CD-Präsentationsparty »Thixotrop«:
Freier Eintritt + Wein, Wasser und Blutwurstbuffet.
Teil 1 wird von der Band selbst bestritten, im zweiten Teil gesellen sich Martin Siewert (Guit.) und Hannes Löschel (Piano) zu einer formidablen Allstar-Improv-Session dazu.
The Comforts Of Madness
Thixotrop
Mit ihrer vierten Veröffentlichung »Thixotrop« verdichten
Comforts of Madness ihre akustischen Verwirrspiele zu einer radikalen Auslotung
über Wahrnehmung.
Comforts of Madness arbeiten sich seit ihrer Gründung 1995 durch Helge
Hinteregger an sozialen Themen ab. Zurückgehend auf das Buch »The
Comforts of Madness« (1988) von Paul Sayer, dienten die darin verhandelten
Themen wie Kommunikations-(un)möglichkeiten, das (persönliche) Innen/Außen
und willentliche Destabilisierungen der Band mit Helge Hinteregger, Franz Hautzinger
und Uchihashi Kazuhisa (in der aktuellen Besetzung) als Verweismatrize für
ihrer Forschungsreisen in die avancierte Tonkunst. Ihre erste Patte »Per
S.E.« (1996; Durian) widmeten sie einem gewissen S.E., einem namenlosen
Elektroschock-Probanden während des Zweiten Weltkriegs, »Autism«
(1999; Durian) spricht praktisch für sich selbst und der Live-Mitschnitt
»Röhren« (1998; Charhizma) thematisiert auf recht plastische
Art subkutane Kommunikationsstrukturen. »Thixotrop« schließlich
ist eine metaphorische Beschreibung eines divergenten Zustandes, der dem sogenannten
»Blutwunder« der katholischen Kirche geschuldet ist. Thixotropes
Gel hat die Eigenschaft, in Ruhe fest zu sein, während es sich verflüssigt,
wenn es geschüttelt wird.
Diese Dynamik der Umwandlung aufgreifend, wirbeln Comforts of Madness die jeweiligen
Soundsplitter durcheinander, es herrscht zeitweise regelrechtes Stimmengewirr,
sie spielen ver-rückt: In den nur schemenhaft angedeuteten Skizzen tauchen
immer wieder Patterns aus Jazz und Funk auf, die durch Fieldrecordings und verfremdende
Sample-Effekte in Schwebe gehalten werden. Dieses daraus gewonnene Destillat
konfrontiert die/den HörerIn mit nichts weniger als purer akustischer Substanz,
die durch ihre Entschlacktheit allenthalben die Ohren hinters Licht führt.
Während in manchen Momenten die einzelnen »Stimmen« weit von
einander wegdriften, sind sie in anderen so eng beisammen, dass nicht mehr auszumachen
ist, was was oder wer ist. Sampler, Trompete und Gitarre treten hinter ihre
»Zuständigkeitsbereiche« zurück: Vielmehr wird hier ein
onomatopoetisches Feld aufgezogen, man kann Hinteregger, Hautzinger und Uchihashi
praktisch dabei zuhören, wie sie ins Gespräch vertieft sind. Dabei
brennt der virtuose Umgang mit Stille nirgends so laut in den Ohren wie bei
Comforts of Madness.
Comforts of Madness sind Spezialisten darin, der/m HörerIn Rätsel
aufzugeben. In diesem »Irrgarten der Assoziationen« (Concerto) sorgen
sie zwar immer wieder für Aggregatsverschiebungen der feinen akustischen
Schwingungspartikel. Denn klar wecken diese nur unzureichend als »abstrakt«
zu bezeichnenden Klanggebilde Referenzen in alle möglichen Richtungen.
Aber erst der dynamische Prozess – eben der thixotrope Effekt –
versetzt diese Partikel in Schwingungszustände. Mikrokosmos? Schon, aber
nur auch. Es ist eher ein mikroskopisches Hineinzoomen in den Sound selbst;
Eine Unterredung mit und zwischen Instrumenten, die zu dem einlädt, was
man schlaksig bezeichnen könnte als »Lass uns d’rüber
reden«.
Text: Heini Deisl
7. April 2OO5 2O.OO Uhr
echoraum