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Die gegenseitige Inspiration ...

1715 ging der junge italienische Maler, Jesuit und Missionar Giuseppe Castiglione nach China. Unter dem chinesischen Namen Lang, Shining war er in Peking am Kaiserhof vorwiegend als Maler tätig und wurde vor allem von Kaiser Qianlong sehr geschätzt. Er machte dort die westliche Malerei bekannt, verband aber auch in seinen eigenen Werken Elemente der europäischen Kunst des Rokokos mit der traditionellen chinesischen Malerei und entwickelte so einen völlig neuartigen Stil, welcher großes Interesse in China erweckte. Lang, Shining ist in China berühmt geworden und verbrachte dort den Rest seines Lebens.

Zwei Jahrhunderte später, 1919, ging der 24-jährige chinesische Maler Xu, Beihong nach Frankreich. Kurz nach dem Untergang des chinesischen Kaiserreichs (1912) war das Einführen der westlichen Kunst, Wissenschaft, Literatur und Technik der aktuelle Trend in China. Xu, Beihong studierte eifrig westliche Malerei in Paris, kombinierte aber auch in seinen Werken die Ästhetik und Technik der europäischen bildenden Kunst mit der poetischen chinesischen Tuschemalerei. Mit dieser Innovation ist er nach seiner Heimkehr die zentrale Figur der chinesischen neuen Malerei geworden.

Anfang des 20. Jahrhunderts hat sich nicht nur die Malerei gewaltig verändert, sondern wegen des geschichtlichen Geschehens in China auch alle Kunstgattungen – und nicht zuletzt die Musik. Dur-Moll-Tonarten und Fünfliniensystem wurden als Neuigkeiten eingeführt, die Instrumente für den Konzertzweck – eine neu importierte Aufführungsform aus dem Westen – umgebaut, und statt der traditionellen musikalischen Überlieferung wurden neue Werke geschaffen, in denen die Komponisten bewusst den Stil und die Kompositionstechnik des Westens mit der chinesischen Tradition verbanden. Bis heute ist diese Geisteshaltung immer noch von Belang für viele chinesische Komponisten.

In der alten Zeit wurden die chinesische und die westliche Welt bloß durch die Seidenstraße und die Missionare des Christentums verbunden, aber ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die Begegnung zwischen Westen und Osten drastisch zu. Die chinesische Kunst wurde vom Westen nicht mehr nur als exotisch und mysteriös betrachtet, sondern stellte nun eine große Bereicherung und neuartige Inspiration für die westliche Kunst dar. Durch die Ideologie der Globalisierung kamen die westlichen zeitgenössischen Komponisten auch mit der chinesischen Muse in Berührung. Sie entdeckten in der chinesischen Musik neue Klänge, eine neue Musiksprache sowie neue Ausdrucksformen und setzten sie in eigenen Kompositionen um. So sind zahlreiche faszinierende und individuelle neue Werke entstanden.

Das Wiener Ensemble music.lab und das Taiwaner Ensemble Chai Found Music Workshop musizieren zusammen, um ein Event in einer außergewöhnlichen Aufführungsform zu präsentieren. Im Programm finden sich Kompositionen von österreichischen und taiwanesischen Komponisten, Improvisationen sowie dem Thema entsprechende Gedichte und Bilder aus verschiedenen Zeiten. Die Premiere wird am 8. Oktober 2010 im echoraum in Wien stattfinden und 2011 in Taiwan wiederholt, um das hochinteressante Spannungsfeld zwischen der österreichischen neuen Musik und der traditionellen chinesischen Klangwelt an beiden Orten darzustellen. Weitere kooperative Projekte werden folgen.

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