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Nach der viel beachteten Uraufführung „BLACK JACK“ (UA: 20. August 2003; Festwochen Gmunden) wird Franzobel ein weiteres Auftragswerk für dramagraz und den Regisseur Ernst M. Binder verfassen. Im Monolog DIE VERZÜCKUNG thematisiert er die weibliche Sexualität und den gesellschaftlichen Umgang mit geschlechtlichen Themen. Sein Interesse gilt dabei vor allem den heutigen Formen gelebter Religion, der Fähigkeit zur Hingabe und dem Zusammenhang zwischen Körperlichkeit und Spiritualität in einer übersexualisierten Gesellschaft, in der Pornografie alltäglich und das Liebesleben des einzelnen Sache von Werbung und Unterhaltungsmedien geworden ist: „Ich bin sehr unbefangen mit dieser Religion aufgewachsen und aber doch sehr durchdrängt, weil es in Österreich präsent ist. Schon im Klassenzimmer hängt der Gekreuzigte, der halbnackte Gekreuzigte. Man entkommt dem nicht. Glauben ist andererseits eine Sache, die ich sehr bewundere. Ich bewundere Menschen, die sich hingeben können; bin aber selbst dazu nicht wirklich in der Lage. Dazu bin ich zu skeptisch, dass ich es völlig akzeptieren könnte. Das System Glauben steht quasi über allen anderen Systemen, womit man mit Logik nicht wirklich ankommt. Es handelt sich sozusagen um ein Übersystem, das für Menschen vielleicht nicht unwichtig wäre. Ich weigere mich, diese kirchlichen, katholischen Verrücktheiten oder Dogmen, die darauf hinauslaufen, dass nur die Kirche im Besitz der Wahrheit ist und bestimmt, was gemacht wird, anzuerkennen. Weil ich das aber selbst nicht so durchlitten habe, kann ich es ein bisschen witzig nehmen. Viele kleine Punkte in dieser heiligen Geschichte sind ja grotesk und absurd. Zum Beispiel mit der heiligen Agnes, der auf einmal die Haare wachsen, was wörtlich genommen wird. Und dies mit der Sexualität zu verbinden. Es ist irgendwie so eine leichte Utopie, die mir vorschwebt. Von einer sinnlichen Religion oder religiösen Sinnlichkeit. Weil ja umgekehrt das Pornographische gegenwärtig kaum mehr etwas Verbotenes hat und total verkauft wird. Die Sexualität hat kaum mehr ein Geheimnis oder etwas Heiliges, oder etwas, dem man mit Respekt begegnen könnte. Es ist reine Geschäftemacherei. Man geht raus auf die Straße und sieht sofort lauter Titten und nackte Ärsche, denen man nicht entfliehen kann, und die einem besonders als Mann den ganzen Tag versauen können“ Franzobel |