2000 11 28 di 06:33 as Strictly on business
    werde ich die nächsten 3 Tage unterwegs sein, und zwar im Nordbayerischen. Das rollende Bureau ist parat, die Reifen auf Betriebstemperatur. Die Schultern hochgezogen, und die Fäuste geballt. Bis demnächst im Dezember.
     
    2000 11 28 di 13:00 cs Ende
    Ende November, Ende öffentliches Tagebuch, Ende gut, alles gut? Zumindest fulminant einige Eintragungen gegen Ende des Standard-Projekts ... daher bin ich natürlich für den Verbleib des Archivs bis Ende Dezember, es sollen ja die Bemühungen belohnt sein und noch weitere Scharen von interessierten Leserinnen und Lesern zur Entspannung vom vorweihnachtlichen Stress ein Monat tb-Lesevergnügen geniessen können. Bin trotzdem kurz zusammengezuckt beim Lesen des Vorschlags, das sollte doch so weitergehen, das braucht eine online-Zeitung usw... vielleicht, aber braucht das auch das tb? Spannende Diskussionen sind vorauszusehen; Möglicherweise werde ich irgendwann im Jänner (unabhängig von Silvester) in Wien sein und eventuell einmal an einer tb-Besprechung teilnehmen können, das würde mich freuen.
    Ein blauer Montag, trüb und grau und später heftigster Regen, hat das Wochenende verlängert; erstes highlight am Freitag FILM IST., in Anwesenheit des Künstlers und einer kleinen österreichischen Delegation; die kulinarischen Qualitäten scheinbar aller tbks konnten endlich köstlich essend im Bastille-Viertel überprüft werden, dank gd und hs. Wienbesuch hat sich dazugesellt und und mich in der Folge noch auf einen nächtlichen Streifzug begleitet.
    Weite Märsche durch den 20. Bezirk, zwischen Boulevard de Belleville und Télégraphe, die volle Länge der rue Pelleport auf der erfolgreichen Suche nach neuer Architektur; am Place Edith Piaf in der nach ihr benannten schäbigen Bar ein Stehachterl Beaujolais Nouveau, sauer, aber schöne vergammelte Fotos der kleinen grossen Sängerin, die ums Eck hier geboren wurde, entschädigen; auch die Gespräche eines weiblichen Gastes mit der 90 Kilo schweren Barbesitzerin über die Notwendigkeit einer Meträsse für ihren Ehemann.
    Kurzbesuch bei Christine L., die in einem Atelierhaus in der rue l'Ermitage wohnt; der Raum ist schön, unter ihrem Bett befindet sich leider die Heizung des Hauses, was zu rhythmischem Dröhnen und langsam zu Schlafstörungen führt. Wir nehmen noch einen Ricard in ihrer Eckbar, wo sie Stammgast ist, nicht nur, weil es dort so schön ist, sondern weil sie dadurch in der nicht ungefährlichen Gegend bekannt ist und sich mittlerweile per Beschluss eines offensichtlichen Reviersprechers der Szene auch schon beschützt fühlt.
    Später schwerer Regen, ohne Schirm unterwegs, trotz Sturzbächen von unseren Jacken beim kleinen Vietnamesen am Montmartre Einlass gefunden und mit Soup Saigonnais erwärmt.
     
    2000 11 28 di 18:59 gg Pulm Fiction
    Hypochondrisch wie ich nun einmal bin, habe ich mich heute zum wiederholten Male hüstelnd ins Röntgenlicht-Milieu begeben. Um es glattweg hinzusagen: Es kam, wie es kommen mußte. Am Institut waren mehr X-ray-Strahler an als je zuvor, und der Grund wurde mir beim ersten Atemzug (nachdem mir zunächst kurz die Luft weggeblieben war) sonnenklar. Denn als irgendwo im Hintergrund ein Acapella-Chor aus La Pulma gerade das bekannte Weihnachtslied „Mas X, por favor!" intonierte, schloss ich messerscharf: Es gibt 'ne vorgezogene Xmas-Party! Das Motto war schlicht: „Pulm" – pull multiple registers, wie der Elektronikfachmann dazu sagt. Tatsächlich, die Röntgengeräte waren in jedem Raum auf Dauerbetrieb gestellt, und flackerten rhythmisch zum voll swingenden K&D-sound. Menschen jederlei Geschlechts tanzten davor und exponierten ohne Genierer ihr Knochengerüst wie in einem altbekannten Stones-Video. Drei Oberärzte hopsten plötzlich total stoned im g-string an mir vorbei, während aus dem Nebenzimmer Dialogfetzen drangen: „Was willst du denn mit deiner grossen Knarre?" – „Pull-me! Pull-me!"
    Oberschwestern defilierten mit den unterschiedlichsten Defilé-Aufnahmen vorbei (unter anderm von einem unbekannten „F", siehe das beigefügte Bild), und servierten plum pudding. Sehr originell. Selbst eine Live-Konferenzschaltung nach Pulm Springs, California, war installiert, und diverse e-groupies unterhielten sich über ihre brennendsten Anliegen transkontinental: „Was meinen Pulm betrifft, habe ich jede Menge FAQs."



    – „Mein Pulm stürzt laufend ab, wenn ich einen hotsync mache."
    – „Mach doch 'mal 'nen harten reset, und fahr' ihn dann wieder hoch!"
    – „Bitte keinen Spam auf meinen Pulm!" – usw..
    Während ich ganz fasziniert diesen FAQs lauschte, hatte sich eine leichtgeschürzte Assistentin genähert, die mir ihre Blumensammlung zeigen wollte. Besonders nahe legte sie mir dabei ihr Pulmkatzerl. Schon wähnte ich mich mitten im Sturz in ein neues erotisches Abenteuer, da stürzte Kurt Pulm herein, mit einem Sarg unterm Arm, den er offensichtlich gerade erst aus der Fabrik geholt hatte. Oh, es gibt Tote!, dachte ich, vielleicht doch zuviel an X-rays hier? Dann fiel mir auch noch die Sache mit der Knarre ein, und die vielen Spams. Nichts wie weg, war mein nächster Gedanke, und schon war ich draußen auf der Straße.
    Nun überfiel mich der Hunger. Heißehunger sogar: „Eine Klobasse bitte!" –
    „Schon aus! Nur mehr Kabasse!" – „Nein danke, die schmecken mir nicht."
    Das wird heute nichts mehr, dachte ich, und machte mich auf den Weg nach Haus. Und all mein Sehnen und Trachten schweifte ab und in die Ferne.
    Ach, wär's doch schon so weit: Endlich tief einatmen am Pulmenstrand!
     
    2000 28 11 di 21:33 pt Werk Image Cooking
    Wuppsi Puppsi Gluppsi. 9 Streifen á 50 Kader, beim zehnten grob gefehlert und für heute aufgehört. Mit meinem Agenten CP hab ich mich auf „pfiffig" geeinigt. „Du sorgst für´s Werk und ich für´s Image." Und das neue Werk, so der Agent, möge doch bitte pfiffig ausfallen. Imagemäßig warnen (nach der morgendlichen Druck- „Standard"-Lektüre) beschwörende Stimmen übers Telefon: „Du wirst enden wie Stermann!" (gemeint: das Scherzküberlhafte; am Apparat: Grissemann [der Bruder]).
    TXO, Finales. Max im Sprechzimmer: „Es herrscht schon eine richtige Ausbruchs-, äh, Aufbruchsstimmung." Dann kommt Reinhard Gerer und kocht für die drei. Das Erdäpfelpürree, auf dem der Zander daher kommt, wird mit Kren „parfümiert", die Carbonara mit Wachteleiern zubereitet, die Eiernockerln getrüffelt (weiß! Alba! [diesen Herbst wegen der Piemonteser Regenfälle quasi unerschwinglich]), Finessen des Weinhuhns zeigt der ORF keine, dafür rückt er mehrmals das MEGAOBERG´SCHLUDER „Servus – Rotwein aus dem Burgenland 1999" riesig ins Bild (Gerer, die Nutte; ich sage nur: „Spar"; wobei ich die fetten Wassergläser, in die Gerer das Saftl eingießt, als hinterfotzigen Kommentar des Meisters werte), und die Kids rauchen munter zwischen den Gängen, um nur ja sämtliche Geschmackspapillen der Zunge effizient und nachhaltig lahm zu legen. Mde. Magenta kannte übrigens Gerer nicht mal, was ihr meine Stimme kostet, wohingegen Max sich bereits über die Ankündigung des Besuch irre gefreut hat, was ihm (soeben – damit ich nicht noch vergeß´) meine Stimme für den Gesamtsieg eingetragen hat.
     
    2000 11 28 di 22:00 gl full hirn
    Ein Kreidekreis zur Orientierung, Bill Viola im Handgepäck, die letzten Kapitel der kleinen Contessa, zu Hause der Ritter meines Herzens.
     


    2000 11 28 di 22:12 gg Koinzidenzen über Zeit & Raum
    Adolph schreibt aus Kalifornien:
    „Hi Gerhard,
    The political situation here is like in a banana republic. Did you read in the news about the Republican party hiring demonstrators to disrupt the vote counting process? The difference between Bush and Gore will mean a lot for Europe and the whole world: The Greenhouse gas conference did not come to any positive end. And if that is the situation with the Democrats in charge, what will happen when the Republicans are in charge? Are you now recovered from pneumonia?
    Ciao,
    Adolph".
    Wie's der Zufall so will, habe ich gerade beim Stöbern in alten Ordnern entdeckt, dass ich mit Adolph nicht erst seit etwa 2 Jahren per e-mail kommuniziere. Er hatte mir bereits am 20. 2. 1987 ein Aerogramm



    geschickt, um den Nachdruck eines eben in Physics Letters erschienenen Papers (mit dem Titel „Quantum Cybernetics") zu bestellen! Bei seinem Besuch vor ein paar Wochen kam's nicht zur Sprache – wir hatten es offenbar beide vergessen. Interessant im Zusammenhang mit dem Inhalt seiner heutigen e-mail ist aber auch die eine, unscheinbare US-Briefmarke mit der Aufschrift: „To cast a free ballott – a root of democracy" (Bild-Ausschnitt).



    Übrigens: Natürlich bestellt heute kaum jemand mehr reprints auf diese Weise:
    e-publishing lange vor der Printversion, oder e-mail im Nachhinein ist angesagt.
    Nicht so in den Achtzigerjahren. Ich besitze eine Sammlung von teils kuriosen, teils schönen Postkarten aus aller Welt mit Reprint-Anforderungen aus dieser Zeit.
    (more 2 cum....)