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2000 11 15 mi 10:32 pt Koinzidenzen
Das Ö1-Radiokolleg dieser Woche widmet seine sogenannte Musikviertelstunde" (ab 9:45 Uhr) den Vier letzten Liedern" von Richard Strauß. Ich bin zwar mit Strauß nicht vertraut, noch kenne ich diese Lieder, aber ihr Titel könnte sich direkt auf meine Arbeit an und mit der Kinematographie beziehen (und etwas mit Lied" im Titel ist seit geraumer Zeit geplant). Gestern stieß ich bei der Lektüre früher Arbeitsnotizen zu Outer Space" (aus dem Herbst 1998) auf den (gänzlich vergessenen, heute unerklärlichen und auch nie weiter verfolgten) Vermerk R. Strauss, `Vier letzte Lieder´!!".
Das Radio-Kolleg erzählt, wie H. Hesse dem ihm persönlich unbekannten Strauß in einem Sanatorium begegnet sei und dieser ihm quasi beiläufig mitgeteilt habe, daß er gerade Gedichte von ihm vertone. Soviel zu Found Footage (und der zugehörigen Rechtssituation).
Das dritte der vier Hesse-Lieder heißt Beim Schlafengehen". Die Bilder der Bagatelle (Zur Nacht)" (= Arbeitstitel des neuen Films) werden sich im Traumbereich zu bewegen versuchen; die Eingangssequenz widmet sich in extenso dem Akt des Schlafengehens.(Der Film selbst nimmt Abschied vom Film. Ein spätes Lied.)
Was dem Strauss sein Hesse, ist mir Furys zweistündige Hollywoodproduktion Die Entität", deren Einstellungen mein Alphabet bilden. Gestern habe ich beim erneuten Sichten versucht, das Artikulieren in dieser Sprache wieder zu erlernen. Daß ich heute früh unmittelbar nach dem Erwachen einen gültigen Satz formulieren konnte, macht mich ein wenig euphorisch. Leider muß ich jetzt nach Wien zurück.
2000 11 15 mi 14:00 cs Heute
ist nicht mein Tag; zu früh aufstehen, finster, Regen, kalt; schön" anziehen, weil diverse Meetings; zum Kostüm die more lady like shoes, mit glatter Ledersohle; dank dieser rutsche ich beim raschen Ums-Eck-Biegen in die Campagne Premiere zur Métro auf einem bunten grossen Platanenblatt aus, stürze, schaffe es im Flug, das Schlimmste zu verhindern und lande mit zerschundenem Knie und zerrissener neuer Strumpfhose. Zurück, umziehen, Schirm mitnehmen, wieder weg. Erstes Meeting Pflicht, aber öd; glücklicherweise sieht das mein Chef auch so und nach 1 Stunde gehen wir auf einen Café. Doch es geht schlimmer weiter; der Chef des Stabilitätspaktes, Herr Bodo Hombach, gibt der OECD die Ehre; jetzt habe ich keine Zeit, ausführlicher über seine Äusserungen dort (über den Balkan") zu berichten, bin aber auch froh drüber, denn für die jetzt mitlesende Öffentlichkeit wäre das nicht gut, was ich zu sagen hätte, oder für mich zumindest nicht...
Nachdem ich jetzt meine seit gestern Abend eingelangten 36 e-mails gecheckt haben werde, wieder zurück, ins Hauptgebäude der OECD; dann, um 15.30 dürfen mein Boss und ich dem grossen Herrn Hombach (tatsächlich, er hat sicher 120 Kilo) über unsere Thematic Reviews of Education and Education policy in South Eastern Europe", unsere bisherigen Missions dorthin, berichten. Ob ich mich beim Cocktail um 18 Uhr, von diesem Tag erholen werde, ist zweifelhaft; wahrscheinlich erst wieder in den schützenden 4 Wänden. Dabei wäre heute ein tolles Konzert im BATOFAR, anlässlich des Festivals Nordischer Musik (Rock, Jazz, Elektronik), das dort grad abläuft ... On verra!
2000 11 15 mi 15:50 jh Eldorado
Seit 5 Wochen arbeiten blaumilchkanaldramaturgische Unternehmungen fieberhaft an der kompletten Unbenützbarkeit der Sechshauser Straße. Die letzen 48 Stunden ohne Pause, kein Ende ist abzusehen. Im Gegenteil, immer schwerere Geräte werden aufgefahren, immer größer werden die im Akkord zugefügten Wunden. Verbotstafeln überfluten die Mondlandschaft. Anscheinend erschließen sich Geschäfte erst, wenn bestimmte Vorstufen genommen sind. Und das Budget der Stadt Wien wird dabei nicht belastet, wie eine dezente Hinweistafel handschriftlich heuchelnd ihren exklusiven Eckplatz (Sechshauser Str./ Braunhirschengasse) rechtzufertigen scheint.Unter dem Motto eines alten ehrwürdigen Filmtitels »Live Fast, Die Young« wagte ich mich für einige mutige Augenblicke auf die Straße und konnte dieses Bild für die Nachwelt festhalten.
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2000 11 15 mi 22:25 as 1000 Ros'n"
hab ich mir so gegen sechzehn Uhr gedacht, ich kauf' mir a neue Hos'n". Und dann wurd's auch noch'n Hemd, und'n Unterhemd, und Socken, und'n Glas Champagner, und noch'n Glas Champagner und noch eines. Sagenhaft die Klientel, die sich da schon tagsüber in den schnieken Kaufhäusern besäuft: von der Hausfrau über den Beamten bis zum Yuppie, Ledenhosenträger, businessmen, Tätowierte und Gepiercte, jung wie alt, dumm wie doof. Die Flucht hab ich dann aber ergriffen, nachdem mir eine dicke Frau mit Riesentitten und rotem Kopf wiederholt schelmisch zugeblinzelt und mir mit ihrer fleischigen Zuge eindeutige Zeichen gemacht hat. Daß ich dann auch noch die neue cd von Johnny Cash käuflich erstanden habe, muß wohl an meiner Champagnerlaune gelegen haben. Ich wähnte den Mann bereits tot. Anfang der 90er-Jahre hatte ich per Zufall mit ihm in der nordbayerischen Kleindstadt Aschaffenburg getrunken. Und ich schwöre: der hünenhafte Fettkloß konnte saufen. Weil in dieser im sog. Schwanz des bayerischen Löwen gelegenen Provinzmetropole in jeder Hinsicht tote Hose herrschte, war ich in dieses eigentlich schreckliche Konzert geraten. Ständig war zu befürchten, daß der schwarzgekleidete Riese, der mehr lallte als sang, von der Bühne kippen würde. Umso überraschender ihn nach Mitternacht im Hotel Zur Post", das ich, weil eben das beste am Platz, auch frequentierte, quietschvergnügt der Whiskeyflasche zusprechen zu sehen. Da er wenige Wochen vorher in die Hall of Fame aufgenommen worden war, gratulierte ich ihm dazu, und nunja, eines kam zum anderen, ums kurz zu machen: so gegen 14 Uhr am Folgetag wurde ich in meinem Zimmer wach, neben meinem Bett ein ganzer Stoß Jonny-cash t-shirts. Das war so in grauer Vorzeit, als die Drogen noch billig, gut und sauber waren. Die Behauptung ich hätte mit Johnny an der Bar Ring Of Fire gesungen", wäre wohl glattweg eine Lüge, jedenfalls habe ich keinerlei Erinnerung daran. (by the way gibt's eine lustige Zappa-Version der Nummer). Auf der neuen cd singt Cash unter anderem auch Mercy Seat von Nick Cave, was einen, interessierte man sich tatsächlich für dieses genre, amüsieren könnte. Hat doch Cave Cash oft genug als eines seiner gesanglichen Vorbilder bezeichnet. Lebt der Australier eigentlich noch?
Mein notebook ist in Wien. Andy Darling hat es dorthin mitgenommen, um es von seinem Bruder Stephan reparieren, neueinstellen etc zu lassen Stephan ist hauptberuflich Clown und Computerexperte erster Güte, und das in Personalunion (http://die.gamecity.de/pipolino). Ich selbst wäre auch manchmal gerne in Wien, fahre aber erst wieder hin, wenn die Österreicherinnen und Österreicher die Haiderei zum Teufel gejagt haben. Diesen Vorsatz habe ich bis jetzt nur 1x gebrochen, um ans Krankenbett eines Freundes zu eilen. Also!
2000 11 15 mi 23:50 ak kein Schiller im Schilling
Den gestrigen Abend habe ich in der Gastwirtschaft Schilling in der Halbgasse in Anwesenheit des Herrn Schubert (Maler), aber leider in Abwesenheit des Herrn Schiller (Landstreicher) verbracht. Herr Schubert erzählte mir vom schwefelgelben Licht, das er aus einem Innenhof im 15. Bezirk beobachtet hatte, und ich erzählte ihm, dass ich es vom 7. Stock des mobilkom-Hauses aus mit Blick auf Wien und Wienerwald sah. Die Nacht war lang und, wie mein Triestiner Freund immer zu sagen pflegt: Ho fatto ore piccole".
2000 11 15 mi 23:59 gg Tief in der Monatsmitte
Stecke tief in einem Mittnovembertief: huste mehr als in den letzten Tagen, und das gefällt mir gar nicht. (Doch eine Allergie? Noch einmal zum Pulmologen? Achja, vielleicht macht's wieder Spaß!) In der Freizeit gehen mir die eindrucksvollen Fragen Franco Selleris auf der Bell-Tagung nicht aus dem Sinn. Vielleicht muß man auch noch an der Relativitätstheorie herumdoktern? Jedenfalls, und das ist ja schon was leicht Irritierendes: Niemand hat bisher die Einweg-Lichtgeschwindigkeit" gemessen. Alle Messungen der LG geschahen so, dass das Licht von A nach B (zu einem Spiegel), und dann von B nach A geschickt wurde. Wer weiß, vielleicht ist der Unterschied zwischen der bekannten Zweiweg- und der unbekannten Einweg-LG so groß wie jener zwischen dem Schicksal von Recycling-Flaschen und jenem der entsprechenden Einweg-Pendants? (Bei den einen krachts, und bei den anderen stinkts.)
2000 11 06 mi 22:56 hs Paris, Lumiere 30 aus 1398
Mädchen mit Strohhut blickt in die Kamera, Katze schleckt, Tisch Katzen Futter auf Gabel, Europäer auf Esel im Galopp, Polizist füttert Schwäne im Park schaut manchmal in die Kamera, l´aquarium mit Fröschen, Bocale de Poisson rouge, Bub füttert Pudel auf Parkbank, Männer kommen Hände in der Hosentasche aus der Kirche der Kamera entgegen wie um mit der Kamera zu kämpfen, wie Stiere dem roten Tuch entgegen, Dame Tauben in Venedig, Mädchen blickt geht auf Kamera zu, Baby fischt im Goldfischbecken, indonesische Damen fächern, Blick durch zwei Gegenzüge auf Landschaft, zwei Kinder eine Katze essen, Mann schiesst, Mann fällt um, ein Europäer schiebt den Hut nach hinten, ein Mann verkleidet sich, Leute kommen von unten aus Schiff, grüssen, zwei drei Hündchen, Touristen gehen auf Steg der Kamera zu, Präsident kommt auf Kamera zu, grüsst, Soldatenbalett mit Gewehrrevue, Wagen mit Hund! Strassenbahn biegt um die Kurve, Telegrafendrähte flitzten vorbei, zwei kleine Buben schleichen um die Kamera herum, Buben spielen Flaneur Hände in den Hosentaschen, Westminster Abbey im Nebel Männer mit Melone in schwarz drehen sich um, Badende produzieren sich, Zug fährt in Tunnel, ganz schwarz, ganz weiss.
2000 11 15 mi 23:45 gd Bois dArcy - Kulturlandschaft
Gleich neben dem Filmarchiv liegt ein Gefängnis. An der Ecke bei der Zufahrt zum Filmarchiv stehen täglich mehrere Kühlautos. Sie gehören zu dem Einfamilienhaus, in dem ein Fleischhauer ohne Geschäft arbeitet. Zehn Minuten vom Filmarchiv entfernt, liegt ein Mega Supermarkt. In der Cafeteria, die eigentlich ein mehrere hundert Sitzplätze großes Fast-Food Restaurant ist, waren wir heute essen. Der Blick aus dem Fenster auf den Parkplatz, die Schnellstrasse dahinter, die Blumenkästen mit den Stauden, die Fahnenstangen, die zu Creperien umgebauten Garagen der Einfamilienhäuser, das Ambulatorium gegenüber, alles zusammen ergibt mit dem Fastfood-Ambiente das perfektes Bild einer Kulturlandschaft. (Bild folgt) Sonne durch Nebelfetzen.
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