2000 11 06 mo 0:45 gg obsolete Kryptik
    Offenbar hat unser guter td noch nicht realisiert, dass wir seit einigen Tagen eine erweiterte Leserschaft haben. Die kryptischen Bemerkungen seinerseits (über „kryptische" Eintragungen, die Resultat eines technischen Problems und besagter Leserschaft nicht mehr zugänglich, da bereits korrigiert, waren) sind daher ziemlich obsolet. Mitdenken wäre jedenfalls wünschenswert.
     
    2000 11 06 02:25 jh medi@terra II
    Heute den ganzen Tag mit Gianni Toti verbracht und aus den verschiedensten Blickwinkeln seine „poetronics"-Arbeiten, u.v.a. ein aboslut sehenswerter Film „gramsciategui", genossen. Der Abend, der by the way erst gerade mit einer Netzperformance begonnen hat, wurde mit einem Mikrokosmos der feinen Mathematik der griechischen Küche 3 Stunden oppulent eingeleitet. Keine Details, hinein in die abgründige Komik dandyistischer Netzeuphorie.
     
    2000 11 06 mo 9:25 pt Haar zu Berge
    Bei der gestrigen TV-Diskussion „Betrifft" zum Thema „FPÖ" ist dem Herrn Frank, Österreich-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, für die Dauer der gesamten Sendung vom Zentrum seiner Glatze aus ein einzelnes, zumindest vier Zentimeter langes, weißes Haar senkrecht in die Höhe gestanden.
     
    2000 06 11 mo 15:10 gl Sturm

    Über der Donau rutscht ein graues Wolkenband mit relativ hoher Geschwindigkeit von rechts nach links durchs Bild. Dahinter düster, in unsere Richtung zartes Blau. Die Donau als Wetterscheide zu unseren Gunsten. Unter dem grauen Band erscheint dann noch eine orange Sonne. Also nun auch zu Gunsten des Bisamberger Hinterlands. Mittlerweile ist alles vorbei. Gleichmäßig grauer Himmel und sich biegende Bäume. Die rasenden Blätter klatschen gegen unsere Verandafenster. Aus dem Garten tönen Kinderstimmen. Sie begraben einen toten Vogel in einem Maulwurfshügel. Der Sturm ist mir unheimlich, ich mag keine Stürme. Damals, als meine Eltern die Zeltstangen festhielten und ich in schrecklicher Angst in meinem Kinderschlafsack steckte, dann, als mein Zweimannzelt unter einem Sturm zusammenbrach und ein Schwall kalten Regenwassers hereinschwappte, könnten alles Ursachen sein. Ich kriege von Wind jedenfalls Ohrenweh und hasse es, wenn einem Zeitungen um die Ohren fliegen, schön aufgelegte Fotos davonflattern, zu filmende Titel dauernd verrutschen, Taschentücher ihre Ecken aufstellen, Servietten vor dem Mund vorbeiflattern, Hemden und Röcke hochgeweht werden, das Fahrrad Schlagseite kriegt, einem praktisch dauernd kalt ist.

     
    2000 11 06 mo 17:06 hs MEDI-7



    Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Samstag Sonntag
    morgens mittags abends nachts
     
    2000 11 06 mo 16:30 cs Suche nach Glück
    Jahreszeitgemäss schlage ich im gleichnamigen zweisprachigen Gedichtband von M. Houellebecq auf: Einkaufszentrum im November. Ich bin zwar nicht in eine Tiefkühltruhe gestolpert, nicht an der Kästheke zusammen- und auch nicht in Tränen ausgebrochen, nachdem ich beim Samstag-Shopping keinen warmen Wintermantel fand; doch den Rest des Gedichts kann ich durchaus nachempfinden. (Statt Mantel einige andere Stücke erworben; ebenso, wie auch schon letztes Wochenende in London, einige CDs – „Musik und Mode 2" kuendigt sich an!).
    Leicht frierend daher am Samstag Abend in die Fotogalerie HeArt, rue de Charonne, zur Vernissage von Ralf Marsault, teure schöne Schwarzweiss-Fotos von jeglicher Art von tätowierten und gepiercten (fast ausnahmslos) toughen Männern; ziemlich hart insbesondere das Video über eine hardcore-Piercing-Action, wo ich nur mit halb zusammengekniffenen Augen hinschauen konnte. Nett war, dass ich dort einen österreichischen Maler kennenlernte, der wiederum ums Eck von meinen Freunden hier am Montmartre wohnt, ebenso wie Theresa Schulmeister, gerade in Paris um u.a. Interessenten/Sponsoren für einen Film über Freud zu finden. Jetzt hab ich hier schon eine Menge Leute kennengelernt, aber kaum Franzosen oder Französinnen.
    Viele Pariserinnen und Pariser allerdings sah ich am Sonntag im Jardin du Luxembourg das strahlend kalte Herbstwetter geniessen, unerschrocken spielten sie Schach, Karten (dieselbigen vorm Davonfliegen schützend sehr schlau unter ein Gummiband steckend, das wiederum über einen dicken Karton gespannt war), Tennis, Federball, Volleyball, Fussball, Schifferlfahren; die Unsportlichen sassen da und lasen, verspeisten Kuchen zum Café im Freien als wäre es Sommer; die Vergeistigten übten sich in Tai chi oder Jonglieren. Ich ging einfach 2 Stunden spazieren, kreuz und quer durch den Jardin, dies alles gut gelaunt beobachtend.
    Später Zuhause der Versuch, „Drei Trauergesänge für das Kosovo" von Ismail Kadaré auf Französisch zu lesen, mit Wörterbuch, schwierig, aber spannender als die Französischhausübung. Ein Requiem auf die Schlacht auf dem Amselfeld.
    Da ich gerade zu Kosovo arbeite, wollte ich jetzt eben ein wenig zum Stichwort surfen, ein Kollege hat mir die Web-Adresse von „eurasianews" geschickt; dort, unter „Articles & Documents on Kosovo" / Balkan-Institute, Documents on Former Yugoslavia, stosse ich auf Today's Top Sex Site und auf eine wahre Flut von Links zu hardcore Pornos jeglicher Art; dem Armen ist es peinlich. Ich schaue und staune.
     
    tb-intern;
    a) an td: leider war ich auf keinem Klangforumkonzert! Hab ich eine Doppelgängerin? Es lebe die Cryptophilie!
    b) an gl: ja, ich erinnere mich gut an Ilse Gassinger und den Film und die Medienwerkstatt in der Neubaugasse und überhaupt... da werd ich auch sentimental und frage mich, was aus der Ilse geworden ist!? Dass mich jemand auf diesem seltsamen Foto, etwa 15 (?) Jahre danach (wieder)erkennt, freut mich natürlich besonders.
    c) leider habe ich den Artikel über das tb von Claus Philipp im Standard nicht gelesen; aber wenn es stimmt, dass er geschrieben hat, im tb schreiben ein paar Promis und sonst halt noch ein paar andere, dann finde ich das ärgerlich: es verstärkt meine Skepsis gegenüber dem Projekt (auch weil ich mich so gar nicht involviert fühlte in den Entscheidungsprozess) und leider meinen Eindruck, dass Journalisten nur selten in der Lage sind, Dinge einfach so zu sehen und zu nehmen wie man sie ihnen sagt oder wie man sie sieht, wenn man willt; nichts kann sein, wie es ist, sie müssen über- oder untertreiben und erliegen früher oder später alle der Promigeilheit.
     
    2000 11 06 mo 08:00 ga BB
    -artiges tb der letzten Woche: all diese Bilder!
    Doch der Reihe nach.
    Gestern im Vorstadt das letze Neighborhood in Progress-Konzert: Iva Bittova = stärker geworden, was Person & Stimme angeht – statt abzubauen. Bratko Bibic & seine Mannen kreisten unbeschwert um volksmusikalische Themen in absurden Taktmaßen, die den lauschenden Otto Lechner schwer begeisterten. Der wieder hatte sich viele Freunde eingeladen: das komplette Max Nagl Quintett, Schurl Graf als 2. alto, Karl Ritter g, weitere Freunde an der 2. Geige & am Schlagzeug. & was soll schon schief gehn, wenn man mit solchen Freunden session spielt?
    Samstag bei WM: wurde von wk schon berichtet: Les Espaces Acoustiques waren 1 Hörerlebniss. Im Parkett fußfrei auch H. Fischer mit Diplomaten.
    Freitag: 1 Mac Performa 5x00 seziert. Die Pufferbatterie ist mit Klettverschluß am motherboard befestigt.
    Es kommt noch besser!
     
    20mal nich00 11 069 wk Zum Zustand
    Nach dem Bade offensichtlich zu früh das Haus verlassen : heute morgen mit einem steifen Genick aufgewacht. Immer schön geradeaus schauen ! Paßt eh : der Bildschirm steht geradewegs vor mir... Auch leichte Lähmungserscheinungen in der rechten Hand – kein Wunder nach dem exzessiven styling bis zum 1504ten von 2000 Akten Gronius & Rauschenbach... :
    1504. AKT
    GÖTZ VON BERLICHINGEN
    Eigentlich wollte ich mir aus der Hand fressen lassen.
    Aber plötzlich war da keine mehr.
    Will mir nicht jetzt jemand dafür ordentlich in den Arsch kriechen?
    (wirft das Fenster zu)
    & : leicht gerötetes linkes Ohr – von den vielen tbk- & anderen Telefonaten. Zum Beispiel – weil wir gerade davon sprechen – tauchte eben aus dem Hörer eine ewig ungehörte Stimme auf : Rita Eymann, Schulkollegin aus längst vergangenen Tagen möchte uns wieder mal sehen... Na ja, wenn sie 1 handy dabei hat, könnte das sogar klappen. Fliegend... Wo war ich stehen geblieben ? Wollte eigentlich nur mehr schreiben : Ich – 1 Wrack ! Lustig ! (Über die lädierte Schulter, mit der ich beim Telefonieren den Hörer eingeklemmt halte, damit ich weiterarbeiten kann, werde ich morgen berichten – falls mir sonst nichts einfällt...)
    Und ab.
     
    2000 11 06 mo 19:46 pt Speed kills
    Schade. Gestern wollte ich noch die Prognose ins tb stellen, daß sie in der Spitzelaffäre so lange alles leugnen werden, bis es bewiesen ist, und daß sie dann sagen werden, daß das alles notwendig gewesen sei, um das alte, korrupte System der Altparteien zu bekämpfen. Haider ist mir zuvorgekommen. Heute hat er die Weitergabe der EKIS-Daten als „Notwehr" bezeichnet.
     
    2000 11 06 mo gd 2 X Venezia
    Im Gasthaus Zöbinger Stöckl, in der Sandleitengasse, sitzen Grete Schimek, hs und ich beim sonntäglichen Mittagessen. Wir sprechen über Orientierung in fremden Städten, und hs meint, sie sei schon oft in Venedig gewesen, aber auskennen würde sie sich nicht so richtig. Dann zeichnet zuerst sie, und dann ich einen Plan der Stadt.



    Gestern Sonne, heute Sturm.
     
    2000 11 06 mo 22:50 ak kitschy winter-light show
    Bei der heutigen Tai Chi-Stunde bot sich uns ein spektakuläres Licht-, Farb- und Schattenspiel. Kurz vor ihrem Untergehen leuchtete die Sonne noch einmal hinter der grauen Wolkendecke hervor und tauchte den oberen Teil der uns gegenüberliegenden Häuserfront in ein kräftiges Wintergelb, während der untere Teil im Grau versank. Die sonnenbeleuchteten Häuser hoben sich stark vom graublauen Himmel ab und in der Ferne blitzte der Millenniumstower in Orange. Beinahe wie vom Heiligen Geist heimgesucht leuchtete die Kirche in der Lustkandlgasse mit ihrem bunten Dach majestätisch auf. Beinah zum Fürchten.
     
    2000 11 06 mo 23:02 as Schlaflosigkeit und Föhnattacke
    Schweißtreibende Schlaflosigkeit hat mich schon vor 05:00 morgens aus dem Bett und in eine radikale Hyperaktivität getrieben, sodaß alles zu Erledigende auf der Burg Trausnitz, nämlich die fotographische Dokumentation der Schadensphänomene in den Fensterlaibungen des ehemaligen Zimmers der Verschwiegenheit, eine Befunderhebung am Renaissance- und Sekundärbestand, sowie eine Erstsicherung des absturzgefährdeten Bestandes schon mittags abgeschlossen war. Auf der Rückfahrt nach München ein Wetterschauspiel von selten erlebter Dramatik beobachtet. Föhn hatte im Süden die graue Wolkendecke vom Horizont gehoben, aufgerisssen – dahinter lasiert ein kaltes Blau, gebrochen mit einem Hauch von Rot. Die Berge schienen durch die unglaubliche Fernsicht bedrohlich nahezurücken. Unnatürlich warmes, also gelbes Licht schien gleichzeitig von jedem Standpunkt aus gesehen alles irgendwie von hinten zu beleuchten. Den mit offenem Mund Staunenden fiel dazu ein sich kontinuierlich verstärkender Kopfschmerz an, dessen Zentrum irgendwo knapp hinter der Nasenwurzel zu den Augen hin ausstrahlte, was zunächst zu Blinzeln, dann zu einem Zusammenkneifen und schließlich zu einer unkontrollierbaren Grimassierung führte.
    Todesschlafähnliche Siesta. Seitdem: feel like a wrestler after a fight.
     
    2000 11 06 mo 22:45 td kalt, dann wärmer, morgens Sonne
    In der Skodagasse (Stadtbibliothek): Auf der Suche nach Hoffmann, Adorno und Midi. Zu letzterem jene Sorte Bücher, die man gleich wieder zurückstellt, über Software, Computer, Hardware – ich (sic!) blättere die erste Seite um (Jahreszahl) und lese „1992". Weg damit. „1995". Weg, weg, damit. „1997". Weg damit (Aber das war alles doch gerade?) – nur eine Tageszeitung altert schneller. (Apropos Tageszeitung: zwischen 23:00 und 24:00 liegt nur eine halbe Stunde Café Ritter. Nein – eigentlich nicht, mir kommen, um 23:05, zwei Frauen und ein Hund entgegen im Eingang, und die eine Frau sagt zu der anderen, oder zu mir, oder zum Hund: „Es gibt nur noch Zigaretten." – Stimmt. Also: zwischen 23:00 und 24:00 liegt doch eine ganze Stunde. Wie zwischen allen anderen ganzen Stunden auch.) Aber was will man schon von einer Gratisvolksbildung?
    Wolfgang ruft an: er druckt gerade 20 Seiten Diskussion Gore-Bush aus.
    Dabei ist in der deutschen, offensichtlichen Babbelfish-Version („fuck those languages") von Regler (=Governor) Bush und Kandidat Zwickl (=Gore) die sogenannte Rede. Die wirkliche Diskussion dürfte so schwachsinnig sein wie die Babbelfishversion, die mir W. am Telefon vorliest, während mein Essen kalt wird und das Licht in der Küche ausgeht. Deutschland und Frankreich (Valerie Giscard d'Estaing am Wochenende in Le Monde bereiten sich und ihre Kompatrioten schon auf die Ära Bush II vor. „Il ne der Sammfaut paseur." – Im Kurier steht: „Bush will 13 Milliarden für die Schulbildung ausgeben. Ok, das wird für ihn reichen, aber was bleibt dem Rest der Amerikaner?" Haha. Ha.).
    Ich glaube, wenn ich irgendwo etwas geschrieben sehe, habe ich den unwillkürlichen Reflex es auch lesen zu müssen. Ich lese: Physical Modeling hat Zukunft. (Ja, besonders dann, wenn man nicht versucht Klarinetten oder Geigen damit nachzubauen.)
    Im Caféphönixhof hängt ein Foto mit Text: „Einladung zum Diskussionsabend Pro und Contra Strahlenbelastung." – Zu der Ich-Diskussion fällt mir der Cocktail-Effekt ein. Die verschiedenen ICHE des tb erscheinen/erschienen mir nie als ein Meta-Ich, sondern wie die Instrumente in einem Orchester, und jedes einzelne wird erkennbar, wenn man seine Aufmerksamkeit darauf richtet. Das tb hat eher was von einer Cocktail-Party mit diversen Small-talk-Stellen. Das abstrakte Gespräch, bei dem man ungern zugibt oder erkennt, sich eigentlich in einer Konversation zu befinden.