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2000 11 03 fr 10:50 gl Die Farben des Morgens
Herbstfarben trotz grauem Nieselschleier heute durch den Aspekt der neuen Regale aufgewertet.
![]() 2000 11 03 fr 12:10 fb Apfel
Die Äpfel des Monats November (bzw. der Nachweis ihrer Verwertbarkeit)
![]() ![]() ![]() 2000 11 03 fr 17:00 cs es wird kälter
Das Kaufhaus PRINTEMPS wirbt auf riesigen Plakaten für schicke Wintermode mit dem Spruch: L'hiver n'éxiste pas! Zu sehen z.B. eine schöne schwarze Frau am Strand, umwickelt von einer weissen Pelzstola, sonst nichts.
Die Maroni sind heiss und teuer..
In den Cafés in St. Germain sitzen gutgekleidete Menschen unter den wärmenden Lampen und schlürfen Apéritifs.
Auf dem Heimweg gestern, in der kleinen Gasse, die mich von der Metrostation RASPAIL zum Boulevard Montparnasse führt, schleppt eine sehr alte Frau einen sehr schweren Kohlensack und ein Netz mit grossen Holzscheiten hinter sich her..
Der Heizkörper in meinem Schlafzimmer lässt sich nicht abdrehen, geheizt wird aus der Ferne, ich schwitze nächtens, mach das Fenster auf, beheitze Notre Dame des Champs.
Im Théatre du Chatelet wird vom 6. bis 10 November Shakespears Wintermärchen" aufgeführt, in der angeblich sensationellen Inszenierung von Luc Bondy aus dem letzten Jahr für die Oper in Brüssel.
Heute war es eisig aber sonnig; jetzt hat sich plötzlich der Himmel verdunkelt, es regnet und in diesem Moment setzt mächtiges Donnergrollen ein.
Die Äpfel von fb, ein Winterobst; sie haben mich so animiert, dass ich mittags filet mignon mit Apfelmus speiste.
Der Beginn der kalten Jahreszeit macht mir klar, dass ich schon 6 Monate lang in Paris bin; die Dauer spüre ich nicht nur dank Kälte, Regen, kurzer Tage, grauer Morgen, fallender Blätter, sondern vor allem auch durch den erforderlichen Wechsel der Garderobe; das Einheits-Frühjahr-Sommer-Übergangsgewand hat ausgedient. Ich hab mir bereits 2 Paar Wollhandschuhe gekauft und einen dicken Schal und mich heute Morgen gefragt, warum ich vor 2 Wochen in Wien nicht daran gedacht habe, den Wintermantel einzupacken. L'hiver n'existe pas.
2000 11 03 fr 19:00 gg tb-Theorie: Ich" ist wir alle
Da ich krankheitshalber die Energie für weitere Berechnungen nicht aufbringe, hier ein paar loose thoughts zu einer möglichen tb-Theorie. Ausgelöst wurden diese durch die Lektüre zweier Aufsätze, nämlich: (1) Thomas Assheuer, Die Evolution frisst ihre Kinder", in der Zeit" Nr. 44/2000 (27.10.00), geschrieben im Rückblick auf die Expo sowie die Ausstellung Sieben Hügel" in Berlin, und (2) Georg Schmid, How to Identify With Your (Cinematic) Hero", in den eben erschienen Semiotischen Berichten" 24 (2000), S. 325336.
Assheuer findet eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten in den milliardenteuren Ausstellungen im Deutschland des Jahres 2000, in denen Evolution als Gesamtkunstwerk in Szene gesetzt" werde. Die intendierte Botschaft der Initiatoren und Betreiber sieht Assheuer so:
Weil sich das westliche Muster der Zivilisation weltweit durchsetzen wird, zeigten alle Wege nur in eine Richtung: nach vorn, auf den Königsweg der technisch-wissenschaftlichen Evolution. Bald schon wird die Bildungsgeschichte der Gattung zum Abschluss kommen. Ob man es dann Nachgeschichte oder Hypermoderne nennt: In dem Augenblick, wo der Mensch in seine humangenetische Substanz eingreift und sie höchstselbst, nach eigenen Vorstellungen verändert, ist die letzte Grenze zwischen Natur und Kultur, zwischen Schöpfung und Gemachtem gefallen. Eine unverfügbare 'Natur' gibt es dann nicht mehr; alles Leben auf der Erde trägt die Handschrift des evolutionären, sich durch den Menschen verkörpernden Wissens. 'All is in the mix.' Damit geht aber laut Assheuer ein lästiger Geburtsfehler der Wissensgesellschaft" einher, nämlich die Unfähigkeit, so etwas wie Lebenssinn" zu erzeugen: Sinnbedürfnisse, glaubt man dem Weltbild des 'Planet of Visions' [d.i. eine der Ausstellungen], sind Relikte aus alteuropäischen Zeiten, mit denen man immer noch rechnen muss. Sie sind gewissermaßen humanistischer Schwemmsand, der sich mit dem Zerfall religiöser Weltbilder in den Köpfen abgelagert hat. Eigentlich ist 'Sinn' evolutionär überflüssig. Während also die Funktionssysteme klaglos arbeiten, träumen deren Nutznießer immer noch vom Sinn des Daseins, jedenfalls von einem symbolischen Faden, mit dem sich die Episoden des Lebens mit dem Großen und Ganzen der Geschichte verknüpfen lassen."
So bliebe im Kampf gegen die Sinnlosigkeit der Wissensgesellschaft nur ein letzter Kandidat: das Ästhetische und seine Inszenierung. Ihm, dem 'Schönen', fällt die Aufgabe zu, im Datendschungel der Gegenwart einen natürlichen Sinn zu stiften, vorausgesetzt, es stellt alle Feindseligkeiten gegenüber der modernen Technik sofort ein. Das 'Schöne' ist auserwählt, in einer durch Wissenschaft profanierten Welt die Nachfolge der Religion anzutreten; das Schöne lässt die Menschen zu sich kommen, bekehrt die Zweifler und erzeugt Systemvertrauen, eine neue Unschuld, eine neue Naivität. Um im Luhmannschen Jargon der Ausstellungsmacher zu bleiben: Die ästhetische Inszenierung sorgt für die semantische Kopplung zwischen dem Sinn suchenden Bewohner der Wissensgesellschaft und der bilderlosen Evolution. Erst unterm Himmel des Scheins wird die Evolution symbolfähig und offenbart dem ungetrösteten Besucher ihr verborgenes Telos: Wie es wird, so war es immer. Man reibt sich die Augen...."
Die Kunst, in anderen Worten, solle also, gewissermaßen als Handlanger von Wissenschaft und Technik, ein tröstendes Muster hinter der Unübersichtlichkeit unserer Welt" erzeugen: Hinter dem Hokuspokus steckt auch der Glaube, im doppelten Blick der Inszenierung komme die kapitalistische Mobilmachung zur Ruhe, die Welt werde übersichtlich und gefriere zum mythischen Bild. In dem Moment, in dem sich die Mächte der Sachlichkeit, also das Technische, in organische Konstruktionen verwandeln, würde auch das konservative Dilemma zwischen 'Wachsen' und 'Machen' verschwinden. Denn was die Industrie 'macht', folgt ja der Logik der Evolution und ist deshalb immer schon 'geworden'. Anders gesagt: Weil Materie und Geist 'im Tiefsten' immer schon versöhnt sind, kommt dem Neuen, den Innovationen, eine Autorität zu, die sich von niemandem nach ihrer Geltung befragen lassen muss." In den oben erwähnten Ausstellungen geht es allein um den Nachweis, dass wir gar nicht anders können, als uns der biokosmischen Logik der Evolution zu beugen und den wunderbaren Produkten der Wissensgesellschaft huldvoll unsere Zustimmung zu gewähren."
Eine derart kritiklose Haltung würde aber darüber hinweg täuschen, dass die Gesellschaften stets (und in stets vermehrtem Ausmaß) mit Entscheidungszwängen von mitunter sehr großer Tragweite konfrontiert sind.
Assheuer kritisiert: Die Wiederverzauberung der Technik erzeugt eine mythische Geisteslage, in der Innovationen, vor allem das bioengineering, normalisiert und dem Streit der Meinungen entzogen werden sollen. Wissenschaft, so scheint es, ist nicht länger rechenschaftspflichtig. Denn weil sich die 'göttliche' Evolution im Medium menschlichen Wissens ja vortrefflich selbst steuert, darf man die Hände in den Schoß legen. Uns, den menschlichen Systembestandteilen, bleibt nichts anderes zu tun als die heroische Einübung ins Unvermeidliche."
Ich habe die allein der Logik der Evolution" unterliegende Eigendynamik des wissenschaftlich-technischen Komplexes in einem systemischen Ansatz als subjektale" [= subjekt-artige"] bezeichnet (gg: Die Information des Subjekts", Wien 1997), ähnlich wie auch Hartmut Böhme einmal von einer vis a tergo" sprach, von einer Kraft im Rücken", die uns (ohne dass unser Bewußtsein am Prozeß aktiv beteiligt wäre) stets vorantreibt, in einer riesigen selbstreferentiellen, subjektalen" Maschinerie also, die unserer Übersicht fast vollständig entglitten ist. Die Betonung wäre auf fast" zu legen: Es sind ja gerade die immer wieder notwendigen Entscheidungszwänge" (wie z.B. über das Klonen von Menschen, etc.), die noch immer, zumindest potenziell, eine Rolle für subjektive Akteure mit z.B. moralischen Positionen auf den Plan rufen. Zwar sind wir an subjektale Gefüge gebunden (auf verschiedensten Ebenen, wie z.B. eben auch im Betrieb des wissenschaftlich-technischen Komplexes), aber deren Unübersichtlichkeit bedeutet nicht a priori, dass die Menschen sich vollständig ihrer Eigengesetzlichkeit beugen müßten.
Hier liegt mein Anknüpfungspunkt zur tb-Theorie. Denn für mich erzeugt auch unser tb-Projekt ein subjektales Gefüge, das gewisse Eigengesetzlichkeiten produziert, die weitgehend unabhängig von bewußten Steuerungen einzelner tbk ablaufen. Bernd Rauschenbach, der sich das tagebuch 1998 zur Bearbeitung in der Tagebuch-Guillotine" vorgenommen hatte, schreibt dort:
Die Eintragungen im etb [= echoraum-tagebuch] haben viele Verfasser, aber jeder Verfasser sagt unterschiedslos 'ich'. Im Leser erst (...) bildet sich aus der Melange dieser Ichs das etb-Ich.
Das etb als Ganzes hat nur ein einziges Ich. Dieses etb-Ich ist tot: Da es in mir ... während der Lektüre entstanden ist, ist es mit Beendigung der konzeptionell auf das Jahr 1998 beschränkten Lektüre wieder gestorben. (Der Tod des etb-Ich trat am 3.3.1999 um 00:48 Uhr ein.)"
Der zweite Teil des Zitats beschränkt sich auf Rauschenbachs Projekt (Eine Art Requiem"), gilt aber nicht für uns. Im Gegenteil: das tb-Ich lebt und gedeiht ganz prächtig, und es entsteht ständig während der Lektüre durch eine (derzeit sogar erweiterte) Leserschaft, und dieser Erzeugungsprozeß läuft so lange weiter, wie es das tb (in der heutigen Form) gibt: es ist kein Subjekt" im herkömmlichen Sinn, aber etwas Subjekt-artiges: ein Subjektal". Der Bezug zum oben rezipierten Artikel von Assheuer besteht nun darin, dass dieser über ein subjektales Gefüge schreibt, demgegenüber der Einzelne chancenlos ist, es auch nur ansatzweise zu erfassen. Hier sehe ich einen spannenden Unterschied zum tb-Subjektal: dieses ist nämlich noch einigermaßen übersichtlich (wenn auch nicht, per Definition, durch eine Einzelperson steuerbar). Das tb wäre also in dieser Sichtweise, und natürlich nur als ein Aspekt desselben [ich sehe schon die säuerlichen Mienen einiger tbk, die das gar nicht interessieren mag sorry!], ein Medium, in welchem die Eigendynamik eines Subjektals studiert werden könnte. In der Tat ist das eine meiner wesentlichen (rationalen) Motivationen seit Anbeginn, an diesem Projekt teilzunehmen (vgl. 1997 06 16 gg).
Dies bedeutet aber auch, dass hier eine Chance besteht, die eingangs erwähnte Sinnfrage" neu zu stellen (sofern nicht gleich auch schnelle Antworten erwartet werden). Denn es stünde nicht bloß ein letzter Kandidat", das Ästhetische, zur Verfügung. Ich sehe jedenfalls das tb nicht primär unter einem ästhetischen Gesichtspunkt, sondern darüber hinaus als Sammelbecken einer ganzen Reihe von weiteren Kandidaten": als Projekt im Freundeskreis, als gesellschaftspolitisches, als geschichten- und geschichts-schreibendes (oral history") Projekt, als poetisches zum Entzerren" der Zeit (Waterhouse), als psychohygienisches mit der Absicht, mind expanding" zu sein. Letzteres führt mich nun zum zweiten eingangs erwähnten Aufsatz von Georg Schmid, aber ich sehe, dass diese Eintragung schon zu lang wird. Weiteres also später...
2000 11 03 fr 19:19 wk Einschränkungen & Abkürzungen
Verbringe derzeit 46 Stunden täglich mit dem Tagebuch, mehrheitlich nächtens, nach Erscheinen des digest. Telefonate in dieser Angelegenheit noch gar nicht mitgerechnet. & immer wieder entdeckt man neuen SPASZ ! So zum Beispiel heute ein update der aktuellen Seite in fast stündlichen Abständen ! Die Bilder mal etwas größer, mal etwas kleiner, mal zentriert, mal linksbündig, mal eine Leerzeile raus, mal ein Absatz rein usw.... Eingekeilt im Dreieck zwischen tb ( Tagebuch ), WM ( Wien modern ) & den Büchern G&R ( Gronius & Rauschenbach ), K&D ( Kruder & Dorfmeister ) usw bleibt keine Zeit für gar nichts. & dabei hätte ich so viel zu tun !
2000 11 03 fr 20:12 hs Glas Nase Kunst
Seit drei Uhr nachmittag bin ich nur noch Nase.
2000 11 03 fr 20:10 gl Zahn Augen Zunge
Morgens ein Aufschrei: Mama er ist heraußen. Ein großes rotes Loch, ein kleiner Zahn im Wasserglas wartet auf seine Verwandlung.
![]() Manfred O. kommt mit einem Sack voll merkwürdiger weißer Gebilde von Frau Z. Wir packen sie mitsamt der halb aufgetauten Zunge ein und fahren zum geheimen Drehort. Im Sack sind mindestens dreißig Augen. Alle in weißem Fleisch verborgen. Ich muß sie herausdrücken, dann starren sie mich an. Diemal ist es wirklich makaber, viel schlimmer als mit der Zunge. Zu guter Letzt tropft die gallerte Masse des Glaskörpers auf M.s Lippen. Und die Zungenspitze springt zwischen seine Beine. Dazu klackert die ganze Zeit die Langzeitbelichtung der Super8 Kamera. Als wir später im Lift stehen, fährt ein gepiercter junger Mann mit uns mit. Ich hoffe, dass er den Blutgeruch aus dem harmlos aussehenden Nylonsackerl nicht bemerkt, in dem die Augenmasse und die Zunge schwimmen. Nun stehen wir vor dem Problem, wie wir dreißig Augen und ein gesamtes Beuschel entsorgen. Einfach in den Mist werfen ? Wir frieren mal alles wieder ein. Morgen werden wir Frau Z. fragen, die kennt sich ja in sowas aus.
Die Augen waren übrigens ein Geschenk.
2000 11 03 fr 20:55 gd Glas
Mit den Entwürfen für die künstlerische Gestaltung einer von Heinz Lutter geplanten Glaswand in den Twin Towers, betritt hs vor mir die gläserne Drehtür beim Eingang zum Wienerberger Verwaltungsgebäude. Statt jedoch im Kreis bis zur Öffnung ins Gebäude zu gehen, bricht hs in der Drehtür unvermittelt nach rechts aus, und rennt voll gegen die gekrümmte Glaswand. Sofort schießt Blut aus der Nase, die mir seltsam schief vorkommt. Statt zum Besprechungstermin geht hs also in die Unfallklinik. Diagnose: zum Glück kein Nasenbeinbruch, sondern nur" ein ausgerenkter Knorpel. Auf dem Aufnahmeblatt entdeckt hs daß sie 178 cm groß ist, 85 kg hat, und Pensionistin ist.
Mittagssonne.
2000 11 03 fr 21:48 pt Verharmlosung Äpfel Schaumgebremst
Heute um 6:50 Uhr aufgestanden, um (grobe Überschlagsrechnung:) zum ca. 170sten Mal in meinem Leben nach Linz zwecks unterrichten zu fahren; um 18:00 Uhr in Wien West ein Erschöpfungsanfall. Daher in aller Kürze:
a) Mit seiner Bemerkung, die Untersuchungsmethoden der Sonderkommission in Sachen Spitzelaffäre seien ärger als bei der Gestapo", hat Karl Schnell sicher gegen einen Paragraphen bezüglich Verharmlosung von NS-Verbrechen verstoßen. Erstaunlich an diesem Vorfall ist aber vielmehr, daß von den Medien und Opposition schweigend darüber hinweggegangen wird. Ist das bereits so eine Art Mitleidseffekt daß es auf sowas jetzt auch schon nicht mehr ankommt?
b) tb-intern: Endlich wieder Äpfel im Haus! Super!
c) Bezüglich der turbulenten BB-Debatte bin ich schon einigermaßen verunsichert, was die BB-Berichterstattung im tb betrifft. Dennoch möchte ich mir das Vergnügen einer Nominierungsprognose für den morgigen Samstag nicht vorenthalten. Also, precaution: Ab hier BB:
Seit der Zerschlagung der Viererbande präsentieren sich auch die Konfliktlinien und Fraktionsbildungen im Container einigermaßen verworren. Diesmal kann ich ziemlich schief liegen. Dennoch:
Daniela: Walter + Marion
Karim: Walter + Marion
Hanka: Karim + Marion (Daniela?)
Marion: Hanka + Daniela (Walter?)
Alida: Marion + Daniela
Walter: Daniela + Marion
Harry: Walter + Hanka
Frank: Hanka + Marion
Ebru: Marion + Hanka
Publikumsnominierung: Hanka
Nominiert wären demnach Hanka + Marion.
Neu ist die Nachricht, daß Karim draußen eine Verlobte hat. Im Haus weiß das niemand, freilich auch nicht Daniela... Für Karim würde es im Fall einer Nominierung wohl das Raus bedeuten.
2000 11 03 fr 21:56 as auch das noch!
Grippostad C, Dolo-Dobendan, Vitamin C-Depot-zeitversetzte Vitaminfreigabe für verlängerte Vitamin C-versorgung, Ambroxyl, Codipront.
Und den Anlaß dafür, nämlich eine aufkeimende Erkältung/ Infektion oder weiß der Teufel was kann ich momentan so gar nicht brauchen. Als Sahnehäubchen ist auch noch Muttern, mit der ich heute schon 3einhalb Stunden auf bundesdeutschen Autobahnen bei Nacht und Regen unterwegs gewesen bin, zu Besuch. Und so Sprüche wie Dein Körper will Dir etwas sagen. Du mußt auf deinen Körper hören", nunja, Immer will Dir irgendjemand irgendetwas sagen!"
2000 11 03 fr 22:22 gg tb-Theorie: Ich" ist wir alle /2
Also, ähm, die Sinnfrage"... Beim Nachlesen des ersten Teils ist mir bewußt geworden, dass ich hier und jetzt, am Anfang des 2. Teils, gleich zu einem mächtigen Rückzieher antreten müßte. Natürlich wollte ich nie und nimmer gesagt haben, dass unser niedliches tb-Projekt einen Schlüssel zu DER Sinnfrage schlechthin anbieten könnte. Meine Argumente in Teil 1 lassen sich vielmehr auf ein paar Kernaussagen reduzieren, die natürlich schon oft, und in vielfältiger Form, gesagt worden sind.
Erstens: An individual's mind is not an individual mind" Zitat meines verstorbenen Freundes Roland Fischer, ähnlich auch nachzulesen in seinem Artikel in Diogenes" 151 (1990) 125: Why the mind is not (only) in the head but in society's connectionist network" [übrigens ist gestern ein Brief von Trudy Fischer, meiner ältesten Freundin (nach einem unsteten Leben in Amerika und Mallorca jetzt wieder in Basel), eingetroffen, der so endet: Mach's guet! Viel Liebe an Dich und viel Erfolg (ist besser als Liebe) wünscht Dir: Trudy"]; oder noch kürzer, das berühmte cogito, ergo sumus" von Heinz von Foerster [übrigens hat vor 1 Stunde seine Betreuerin angerufen, die sich in seinem Namen für meine letzte Postsendung bedankte; Heinz geht es sehr schlecht er kann seit einer Woche nicht mehr aus dem Bett und auch nicht mehr telefonieren; sehr traurig, wo wir doch in 10 Tagen, an seinem 89. Geburtstag, das HvF-Archiv in Wien eröffnen werden]. Der Satz läßt sich übrigens problemlos in eine Steigerung von Lacans Je est un autre" übertragen: Ich ist wir alle.
Zweitens: Jegliche Art von Sinnfindungsstrategie auf das Ästhetische zu beschränken, wie die neue Evolutionsmafia uns einflößen will, ist abzulehnen. Vielmehr wäre mit Organisations- und Handlungsformen zu experimentieren, die eine möglichst weite Basis zur sinn-vollen" Verknüpfung von humaner Bedeutung (der Existenz von Personen) und biokosmischer Evolution bereithalten. Dazu gehören, wie in Teil 1 erwähnt, unter anderen die Poesie oder Bestrebungen zur mind expansion".
Letzteres Stichwort führt zum erwähnten Artikel (2) von Georg Schmid. Sein Thema ist der Prozeß der Identifikation mit Film-Akteuren. Er argumentiert, dass die massenhafte Begeisterung im Zuge derartiger Identifikationen nicht auf das Bedürfnis nach Ablenkung und Zerstreuung zurückzuführen sei, sondern vielmehr von höchster psychischer Notwendigkeit. Denn das heutige Subjekt ist stets schon zu kurz gekommen: we are, one could say, sick and tired of being just us and not even succeeding at that ; life could and should be more, it just has to have more in store for us." [Ich erinnere mich hier an eine Eintragung von gl vor einiger Zeit, in der sie über das Herumprobieren" mit Lebensentwürfen sinnierte, weil ein einziges zu lanweilig sei.] Kurzum, Schmids Kurzformel lautet: We long for more life and more lives." Seine 2. Hypothese: We project our own personality in a fictitious one in order to enlarge it, enhance it, intensify it. By this method ... we are also alleviating (or relieving) our overstrained existence." 3. Hypothese: Es gibt mindestens 2 klar unterscheidbare Arten der Identifikation, nämlich a) identification by (virtual) identity (he's similar to me!") und b) The Thrill to be Another (or to be Others)" (I identify with someone exactly because I am n o t like him (or her), because I'd like to be that (other) way".
Dazu noch eine kleine, aber für tb-Bezüge nicht unwichtige, Sub-Hypothese: Identifikation geschieht nicht nur im Angesicht von Helden oder Heldinnen, sondern auch mit bestimmten Situationen, spezifischen Vorfällen oder Verhaltensmustern. Dies kann so weit führen, dass ein Teil eines Lebens durch einen anderen ersetzt wird, oder, mit Roland Barthes: ein Biographem übernimmt die Rolle eines anderen Biographemes angesichts einer identifikatorischen Film-Persona" erfolgt eine mitunter libidinöse illusorische Vertauschung von Biographemen. Aber jetzt zur 4. Hypothese: While the fictional filmic universe reposes on the real one by assembling components more or less directly derived from it, the 'real-life', 'non-fiction' universe is, on the other hand, based on the inventions ... of the Dream Factory, too. It would be extremely naive indeed not to expect countless feedbacks; our 'vison du monde' (and hence our social action in general) is largely rooted in processing the products of fictitious ambition." [Diesen Gedanken habe ich noch einige Schritte weiter verfolgt; siehe das Kapitel über Introjektion" (psychosomatischer Erfahrung) und Extrusion" (in technisch-manipulativen Kontrollstrategien) in gg, Die Info d. S..]
Wenn wir unser Leben als ungenügend oder unbefriedigend empfinden, so Schmid, dann brauchen wir eine Art von Erleichterung, Befreiung: And this relief is provided by the playful investment of oneself (or a part of oneself) in an artificial universe (or a part of it)." Na, wenn das keine Container-Philosophie ist, was dann?
Und in diesem Sinn ist auch das tb-Projekt ein Container-Projekt, wobei jede/r tbk spielerisch sich selbst (oder einen Teil von sich selbst) in einem künstlichen Universum einbringt nämlich dem elektronischen digest" bzw. dem von der Leserschaft konstruierten / wahrgenommenen Subjektal namens tb-Ich". Der Lebenszusammenhang aller tbk ist zweifellos seit Beginn des Projekts ein engerer und intensiverer geworden, obwohl nur einzelne tbk einander häufig real" treffen. Es handelt sich hier sicherlich nicht mehr um ein Tagebuch" im herkömmlichen Sinn (mit seinen oft sehr intimen Beobachtungen etwa), sondern um eine neue soziale Organisationsform, die durch das elektronische Medium ermöglicht wird. Was Ernst Mach vor 100 Jahren aus buddhistischen Schriften als Lehre zog, das in-dividuelle Ich" betreffend, was außerdem die neuere Bewußtseinsforschung unzweifelhaft zur Kenntnis nehmen muß (wenn sie nicht einem primitiven Reduktionismus anheim fallen möchte), das beweist heute, qua Vernetzung, auch unsere tb-Praxis: Das (selbst-suchende und -süchtige) Ich ist unrettbar".
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