2000 11 02 do 13:05 jh Akt 3
    Manchen Leuten gehört die Shockwave-Lizenz entzogen, da sie in ihrer digitalen zölibatärneurotischen Vesperandacht dazu neigen, egoisthmisch Haltungen zu verlieren, phalls sie je welche gehabt haben und sich protzerisch stramm an der elektronischen Existenz des Satans delektieren. Keine Lust an schwarzen Messen, kann ich da nur sagen :



    »...... Mal ist das Leben schubidu / Mal nichts als Einsamkeit .....«
    Udo Jürgens ca. Ende 1988)
     
    Schön langsam sollte ich beginnen Reisevorbereitungen zu treffen.
    Kompliment an wk, die erste digitale öffentliche tb-Ausgabe gephällt mir ausgezeichnet.
     
    2000 11 02 do 17:00 pt Zahnfleischprobleme
    Der Tag danach ist in der Regel gar nicht so schlimm: Man durchsurft ihn auf einer sanften Welle aus Restalkohol. Unangenehm ist der Tag nach dem Tag danach. Also heute. Nach einem frühen Start (Italienischkurs um 9:00), einer weiteren Stunde im Bett (Ö1-Mittagsjournal; phantastisch, wie die Äff sich unterm Spitzelskandal windet) und Verzicht auf feste Nahrung (verbesserte Entschlackung über die Nieren) so ab 14:00 Uhr wieder mal versucht, das Leben auf die Reihe zu kriegen. Hat man vorderntags die conditio sine qua non erfüllt, nämlich KEINEN Alkohol oben drauf gegossen zu haben (das Fleisch ist zwar urschwach, dennoch dürfen für ein, zwei Bier einzig Kreislaufprobleme ins Treffen geführt werden), dann bestehen erfahrungsgemäß berechtige Chance auf eine Genesung gegen 17:00 Uhr. Diese drei Stunden also überbrückt mit: Post der vergangenen sieben Tage aufarbeiten. Rückrufe tätigen. E-mails beantworten. Jetzt könnte ich sagen (vgl.: Post der vergangenen sieben Tage), daß das Umfeld sich positiv präsentiert: „Outer Space" hat den Second Prize des Filmfestivals in Uppsala und somit seinen 16. Festivalpreis insgesamt gewonnen; nach den zwei Kopien kauft Melbourne nun auch noch eine DVD; Cal Arts in LA will eine Kopie erwerben; und Canyon Cinema vermeldet ebenfalls einen Kaufinteressenten (ohne Namensnennung). Mir aber drückt der nahende 99er-Steuerjahresabschluß auf´s Gemüt, detto die gänzlich unbetreute Home-Page (Angst vorm technischen Scheitern), sowie das (schweineteure) Dub-Negativ, das notwendig geworden ist, um überhaupt weitere Kopien von „Outer Space" ziehen zu können. Anders gesagt: Ich schau noch immer aus dem Parterrefenster. Und das um 17:00 Uhr.
     
    2000 11 02 do 17:30 cs Teufel, Hexen, Heilige und Seelen
    Paris im Halloween-Wahn hat mir Dienstag Abend wirklich kurz das Fürchten gelernt; beim leidigen Warten auf ein Taxi am Boulevard de Clichy, so gegen 2 Uhr Früh, springt mich von hinten ein Typ mit Teufelsmaske an, umfasst mich kurz aber heftig, hält mir seine Fratze dicht ans Gesicht und rennt dann brüllend vor Lachen über meinen Schreck davon; mein Begleiter, auf der anderen Strassenseite nach einem Taxi wachelnd, hat nichts mitgekriegt! Vielleicht war er auch zu illuminiert von den Teufelsgetränken, die man uns im „Jungle", einer afrikanischen Kneipe am Montmartre, serviert hatte; dort ging es wirklich höllisch zu, an jenem Abend; Afrikaner und Halloween? Auch nicht absurder als der Kommerzwahnsinn in Paris zu einem Anlass, den es eigentlich in diesen Breiten gar nicht geben sollte.
    Von den Teufeln zu Allen-Heiligen dann gestern mittags, am Friedhof Montparnasse, sozusagen meinem Hausfriedhof; eisiger Wind, grelle Sonne, lange Schatten, Blätterrascheln, total blauer Himmel, wilde graue Wolken ziehen rasend dahin. Vor dem Friedhof die unvermeidlichen aber wunderschönsten und von mir so geliebten typischen Allerheiligenblumen; ich werd ganz melancholisch, traurig eigentlich; ich würde gerne auf den Friedhof im Burgenland gehen und rostbraune Astern auf das Grab meines Vaters legen; hier kenne ich niemanden; aber, wie dumm, ich kann doch Blumen kaufen und hier auf ein Grab legen. Ein kleines Stöckerl Erika um teure 65 Francs kaufe ich also und weiss auch schon, dass ich es zu Marguerite Duras tragen werde. Dort liegt eine wunderschöne rote Seidenrose, neben einem winzigen knallgelben Stiefmütterchen und einem bunten Strauss von Trockenblumen. Dann schau ich noch bei Beauvoir und Sartre vorbei, bei Jean Seberg, Beckett, Cortazar, Cioran, Sibelius und vielen Unbekannten; bin sehr zufrieden.
    Mit Gerhard, einem Freund, der mich begleitet, völlig durchfroren in ein nettes Beisl in der rue de la Gaité, Wurst- und Käseplatte, heisser Tee, sehr gemütlich, wieder unter den Lebenden – und das erst recht als wir beschliessen, noch schnell ins HABITAT bei der Pont Neuf zu gehen (ja, die Geschäfte schrecken hier vor nichts zurück, alles offen am Feiertag). dort kaufe ich einen Kleiderständer (heisst hier Mantelträger, porte mantaux) namens GUSTAV und eine Stehlampe namens NEW SOHO. Mit den riesigen Paketen in den RER, daheim die Sachen erfolgreich aufgebaut und sehr zufrieden mit der weiteren Behübschung meiner kleinen Unterkunft.
    Radio classique hat viel schöne traurige Musik an diesem Abend.
    Gestern, am 1. November, wird Flora Brovina in Serbien aus dem Gefängnis entlassen, sie war Präsidentin der Liga albanischer Frauen und wurde 1999 zu 12 Jahren Haft verurteilt, wegen „terroristischer Aktivitäten"; sie kann nicht restlos froh darüber sein, 950 Albaner sind in Serbien noch immer in den Gefängnissen, wegen ähnlicher Vorwürfe.
    Hoffentlich ist es also nicht zu früh, dass die Jugoslawische Republik, Serbien und Montenegro, gestern als neues Mitgleid in die Vereinten Nationen aufgenommen wurde; ziemlich eilige hat sie es jetzt, die internationale community.
    Der Tag aller Seelen ist regnerisch und grau.
     
    2000 11 02 do 18:18 wk The whole story
    Als Ergänzung zum Tagebuch-Artikel im heutigen Standard die ganze Bildgeschichte – über deren Ablauf (von mir !) pt schon vor Tagen im tb angemerkt hat : Vor allem die gewagte Montage (etwa die Rückblende am Schluß, wo der Angeklagte sich an die Worte des Scharfrichters vom Prozeßbeginn erinnert!!) wird stilprägend wirken und zweifelsohne Eingang in die Geschichte des modernen Kinos finden.


    2000 11 02 do 18:47 gg Die Natur der F-ische
    Beim Durchblättern einiger älterer Ausgaben des „Scientific American" ist mir ein Aufsatz über die Natur gewisser Fische (und noch dazu nicht der kleinsten) in die Hände gefallen, die mir seltsam bekannt vorkam. Es geht um den Aufsatz von Gerard J. FitzGerald, „The Reproductive Behavior of the Stickleback" [Scientific American 268 (April 1993), S. 80–85], also auf Deutsch etwa: „Das kontraproduktive Benehmen der Stichlinge" (noch wörtlicher: Stichel-zurück-linge).



    In diesem Aufsatz findet sich eine bemerkenswerte Zeichnung von Patricia J. Wynne, von der unsere Grafik-Abteilung sogleich eine übersetzte und aktualisierte Version anfertigte (siehe die beigefügte Abbildung). „Distraction display" wird das Ganze auf Englisch genannt, auf Deutsch kurz: „ultimatives Ablenkungsmanöver". Dass das Wesen so mancher Fische in ihrer „Natur" steckt, das hat man ja jüngst auch in einem ganz aktuellen behavioristischen Kontext begriffen („the nature of the f..."): sie sind eben Schlaumeier, die Stichlinge!


    2000 11 02 do 19:55 gh dichtes Programm
    Kurz vor Acht – Max schläft seit einer Stunde, er ist aufs Erkältungskarusell aufgesprungen, fk ist wieder ins Atelier – er kümmert sich um den Wettbewerb Interspareinkaufszentrum in Linz – Abgabe 7.11. Beim Abendessen noch kurz ein paar Büroinfos ausgetauscht, heute war Baustellentag. In Alland ist der Hausumbau so gut wie fertiggestellt, bis auf ein paar Kleinigkeiten. Lernprozess bei Bauherren erkennbar – nach über 10 jähriger Zusammenarbeit bei verschiedenen Projekten: diesmal wurden auch die passenden Möbel von uns ausgesucht und der Garten von einer Gartenarchitektin bearbeitet In Unterolberndorf fängt morgen der Steinmetz mit der Verlegung des Küchenbodens an. Mit dem Glaserer und Tischler noch letzte Details vor Ort geklärt und dann gehts los, am 14.11. wird die wohl teuerste Küche, welche ich jemals betreut habe montiert Wenn ich an das erste Entwurfsgespräch mit der Bauherrin zurückdenke, kann ich fast nicht glauben, daß jetzt alles planmäßig umgesetzt wird, sogar die alten Möbelstücke werden neu bezogen und ein neuer Wohnzimmerschrank soll auch noch entworfen werden. Ich fahre gern nach Unterolberndorf, fällt mir heute auf. Im Ort fallen mir an ein paar Stellen Schilder auf, mit der Aufschrift: Grundstück zu verkaufen, Liegenschaft zu verkaufen usw. Ich würd`gern noch mehr bauen, im lauschigen Ort Unterolberndorf, man gewöhnt sich so schnell an eine Gegend.
    Auf dem Rückweg in Ö1 einen Bericht über Armenbegräbnisse gehört und: der echoraum erhält wieder eine Dreijahresförderung. Gratuliere.


    2000 11 02 do 20:00 hs am I a murdress or am I not ?
    oh dear dearest
    tragedies happend
    totaly confused
    as you know
    or not?
    I burried the two Posthornschnecken
    under the figus benjamini tree
    before I left for Bologna
    thinking there were dead because they did not move
    they were hanging around
    for three days
    but they are supposed to eat algen
    so they shoud DO
    so
    today I bought two NEW ones
    and told to the Fisherman the story
    he seemed to be not very beeindruckt
    but he sayd
    its perfecly NORMAL that Posthornschnecken are hanging around
    even for weeks
    so
    am I a murdress
    or am I not ?
     
    2000 11 02 do 22:00 gl 4 x Arbeit Wackelzähne
    Die Dachdecker bessern das Dach aus, die Tischler bauen die Regale auf der Veranda. Vor dem Haus gräbt die Stadtgemeinde Klosterneuburg einen kleinen Graben, um die Randsteine darin zu versenken. Wir breiten im Innenhof die Organe aus. Im Winteroutfit, es ist saukalt. Ich verwende die Latexhandschuhe, damit ich vom Blut nicht so nasskalt werde. Blutdurchtränkte Herrentaschentücher mit Knochen, Hirn, Milz, Nieren, Lunge, Leber, Zunge, Herz. Auf schwarzem Marmor und auf meinen Händen. Im ganzen Eingangsbereich riecht es nach rohem Fleisch. Der Tischlergeselle schaudert, obwohl er den Organhaufen auf seinem Weg nach oben gar nicht gesehen hat. Was sollen wir mit diesen Fleischklumpen tun ? Ich habe sie erstmal in die Taschentücher eingewickelt und in den Tiefkühler im Keller getan. Morgen kriegen wir angeblich die Augen, dann können wir die Videoaufnahmen machen.
    Als ich von Wien zurückkomme, sind das Regal, die Arbeitsplatte und die Fensterbretter fertig. Ahorn, gewachst, unheimlich schön. Wir schleppen Kunstbände hin und her, um zu testen, welche nun auf die Veranda sollen. Dazwischen lese ich ein Kapitel aus dem Räuber Hotzenplotz, weil da soll angeblich ein Zahn ausfallen. Aber der Zahn fällt nicht aus. Luzia geht mit zwei Wackelzähnen ins Bett und zittert, ob es bluten wird. Ich erzähle ihr, daß ich damals, als mir die Zähne ausfielen, immer unter diese Zacken gegriffen habe und die Zähne so ausgehobelt habe. Ihr nützt es nichts, aber mir kommen plötzlich kurze Flashs aus der Volksschulzeit.
     
    2000 11 02 do 22:00 td plötzlich kalt (Idyll)
    Wenn die Ampeln auf rot stehen, an allen Übergängen, Zebrastreifen, Kreuzungen tritt das Idyll ein.
    Das ist die Frage: wie betitelt man ein Musikstück? Braucht es einen Titel? Ja! Aber; egal. Idyll II (2000, für Ensemble) von Wolfgang ist schön und wurde schön gespielt (Klangforum/Kalitzke, hört wie der Teufel): was kann man sich mehr wünschen? Form, mit Soli, harmonische Bezüge und Sprache drüber aus Tönen, Klang wie aus Oblaten, Spinnweben und Glas. (Man sollte sich wirklich mehr um den Klang kümmern heutzutage.) Dort fällt die Anerkennung leicht, wo etwas wirklich gelungen ist. Aber – gelungen hat so was von ab- und zufällig, es ist doch mehr wirklich gestaltet.
     
    Blaulicht, wenn die Amperln alle rot sind und Otto, der POLIZEI, winkt den Verkehr durch: Fahr doch Fahr doch, du xxxxx xxxx. Das Donnerstagsmarsch geht bedächtig über den Ring – löst sich jetzt langsam ein, was vor Monaten mit den Märschen beim Burgtheaterschwur versprochen wurde, jetzt wo sich „Anständigkeit" in ihre Bestandteile auflöst, endlich! ?? – Welchen Titel gibt man dem Sprachlosen?
     
    2000 11 02 do 22:15 gd Allerseelen
    Nach 15 Jahren zäher Verhandlungen, hat die Stadt Wien bekannt gegeben daß es einen eindeutigen Willen zur Errichtung eines moslemischen Friedhofes gibt.
    Keine Sonne.
     
    2000 11 02 do 23:05 fb ich hab meine Meinung geändert
    Eigentlich ist mein Entschluss, aus dem tagebuch-Projekt auszusteigen schon (ziemlich) fix gewesen. Aber mein heutiges Telefonat mit pt (der nicht Ursache – vielleicht Anlass – für diese Entscheidung gewesen ist) hat mir vorläufig wieder etwas Lust darauf gemacht. Dafür ist mir der Claus Philipp-Artikel im »Standard« mächtig auf den Sack gegangen (das tb besteht nämlich nicht aus ein paar »Promis« und sonstigen Mitschreibern). Kündige ich halt mein »Standard -Abo.
     
    2000 11 02 do 23:03 gg Neues aus der F-orschung

    Dass im Bereich der Naturgeschichte noch viel ungenütztes F-orschungsmaterial bereit liegt, kann als gegeben vorausgesetzt werden. Üblicherweise bin ich persönlich ja nicht sehr fixiert auf dieses Thema (und nehme mir fest vor: ich werde mich wieder zügeln!), aber diese Tage haben's einfach in sich: Punkto Verhaltensforschung im Bereich Alpha-Männchen etwa, da überschlagen sich die Ereignisse geradezu. Konkret: Zirkus Krone und Kuh-rear kündigen in ihren Abendbrüllern an, dass Hilmar-Aans in den Knast müsse! („They're gonna dump the hump!") Und: ein südliches Landeshauptalpha meint (mit einem sattsam bekannten Grinser in den Mundwinkeln), der Innenalpha sei doch „gottesfürchtig" und werde doch nicht weiterhin „unanständig" agieren, während sein Reservealpha auch Wahlkämpfe zur Erstellung einer neuen Rangordnung nicht mehr ausschließt. Den Bock schoß aber heute der schwarze Nö-Alpha ab, der, als Ziehvater des Innenalpha, letzteren gekonnt zu verteidigen wußte: Dieser, der Innenalpha, „schaut nämlich weder nach rechts, noch nach links, sondern immer geradeaus in Richtung rot-weiß-rot!" (Originalzitat ZiB2). Zwischen den Zeilen, aber unüberhörbar, gab der Nö-Alpha auch zu verstehen (in Richtung Oberschwarzalpha, wie mir schien), dass „niemand einen Keil treib