100 Jahre Anestis Logothetis: aus der Reihe, in der Reihe

Samstag, 20. November 2021 | 16:00 Uhr

Im Rahmen des Jahresschwerpunkts 2021 Generationenwechsel

Produktion echoraum und Wien Modern

Christos Marantos: Klavier
Pneuma + Manu Mayr:
Christine Gnigler: Blockflöte | Bernhard Höchtel: Klavier | Jakob Gnigler: Saxophon | Robert Pockfuß: E-Gitarre
Manu Mayr: Bass

Leonie Spitzer: Iss nicht vom Baum kenne dich selbst (Raum-Installation)
Serafin Spitzer: Marin Alsop x Schtum x Serafin Spitzer (Kurzfilm 5′)

Christos Marantos

Anestis Logothetis hat die ersten Versuche, „das Notenbild zu entlasten und Kompositionen in neuartiger Notierung“ ab Mai 1959 unternommen – seine Kompositionen in „graphischer Notation“, ein Begriff von A. Logothetis zum ersten Mal geprägt, beginnend ab 1960. Dieser wagemutige Schritt, seine Schrift als Komponist zu ändern, ist das Ergebnis eines längeren Prozesses schöpferischer Unruhe. Die Suche und der Übergang des Komponisten zur neuen Phase seines Werks spiegeln sich musikalisch in den von Christos Marantos uraufgeführten drei letzten Solo-Klavierwerken des Programms wider.

PROGRAMM:
Triptychon (1953)
Texturen (1957)
Integration (1959)

Christos Marantos wurde in Athen geboren und lebt in Wien. Er absolvierte sein Studium im Konzertfach Klavier am Konservatorium in Athen und sowohl das Bachelor – als auch das Masterstudium der Klavierpädagogik an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien mit Auszeichnung. Er war Stipendiat der Stiftung „Tokyo Foundation“ und nahm an Masterclasses u.a. mit Bruno Canino, Paul Badura – Skoda, Alexander Jenner und Georges Pludermacher teil. 13 Jahre lang, bis 2019, konzertierte Christos Marantos in der Klavierduo- Formation mit Harald Ossberger in Europa und Asien. Es entstand eine CD mit Werken von Schumann für Klavier zu vier Händen bei der Firma Gramola. In ihren Programmen haben sie mehrere Uraufführungen von Werken österreichischer Komponisten, u.a. H. Lauermann und R. Staar, präsentiert. Die Zusammenarbeit von Christos Marantos umfasst außerdem  Auftritte mit dem Ensemble für Neue Musik exxj (Ensemble XX. Jahrhundert Wien) und den Geigern Mario Hossen, Erich Schagerl und Christian Altenburger. Marantos wird regelmäßig zu Klavier – Masterclasses in China, an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz, der Universität Gustav Mahler Klagenfurt, der Akademie der Künste Aswara Kuala Lumpur und am Music College der Mahidol – Universität in Thailand eingeladen. Christos ist ein Künstler mit hohen humanitären Anliegen. Deshalb hat er bereits mehrere Veranstaltungen zu aktuellen Problemen der Gesellschaft initiiert und kuratiert, wie das Filmfestival „ViennAthens“ (Filmarchiv Österreich 2019), ein kulturelles Projekt, das zwei europäische Hauptstädte verbindet indem es Umweltzerstörung und Migration thematisiert. Seit 2009 lehrt Christos Marantos Klavier an der J.S. Bach Musikschule Diakonie Bildung Wien und wurde 2021 zum „Bösendorfer Artist“ ernannt.

Pneuma + Manu Mayr

Pneuma hat sich ganz der zeitgenössischen komponierten, als auch improvisierten Musik verschrieben. Das ist soweit nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist aber die Besetzung: Blockflöte und Saxophon, E-Gitarre samt Effektgeräte-Armada und ein Flügel. Ungewöhnlich, und dabei viel entscheidender als die Instrumentation, ist die Herangehensweise der Musiker*innen: Großteils von der Improvisationsmusik kommend, kümmern sie sich sehr um die Gleichverteilung von individueller Umsetzung und kompositorischer Vorgabe. Die Stücke, allesamt für das Ensemble und somit den MusikernInnen auf den Leib komponiert, sind zwischen rhythmischer Akrobatik und akribischer Klangforschung angesiedelt, zwischen wohlwollendem Perfektionismus und latent provokantem Nonkonformismus. (Text: Jakob Gnigler)

PROGRAMM:
Rondeau Dynamique, 1967, UA 17.5.1969 Linz
Meditation, 1961, UA 13.2.1962 Wien, Galerie im Griechenbeisl
Mäandros, 1963, UA 3.10.1965 Berlin
Reflexe I+II, 1960

Die AKM würde die Kompositionen Logothetis wohl als „Sonderfall“ einstufen. Also als Kompositionen, von denen man nicht wirklich sagen kann, ob sie gut oder schlecht, genial oder banal, erwähnenswert, bemerkenswert, konservatoriumsgeeignet, beachtenswert etc. seien. Bei den meisten Kompositionen lässt sich das ja ganz klar bestimmen. Nun, bei solch einem Umgang mit Partituren können die Emotionen schon mal hochgehen. Und tatsächlich waren die Emotionen bzw. die Emotionslosigkeit der traditionellen, verwertungsfähigen Notation Ankerpunkte in den gründlichen und weitereichenden Überlegungen Logothetis. In einer Zeit, in der die traditionelle Notation bereits an ihrem Limit angelangt war (ist) und sich Erfindungen neuer Klangmaschinen überschlugen (überschlagen), die hoch-kulturellen Institutionen aber dennoch stark mit Konservieren und Behüten beschäftigt waren (sind), war (ist) es umso wichtiger, dass einige kluge Köpfe den Mut und Spaß daran hatten (haben), ihre Ideen trotz Gegenwind umzusetzen.

Möge die Kunst in Frage gestellt werden!

Als Benutzer*innen der ans Limit geratenen, verwertungsfähigen Notation wagen wir von Pneuma uns an die Übertragung einiger anastatischen (nach dem anscheinend nicht begeisterten Adorno) Kompositionen. Hören Sie nun, wie es uns dabei ergangen ist; ob wir den logothetischen Neudrucken Leben einhauchen können.

Wir haben Partituren ausgewählt, die sich in ihrer Kompositionsstilistik unterscheiden. „Meditation“ kann als Gemälde eigenständig auch außerhalb eines musikalischen Kontexts betrachtet werden. „Mäandros“ hingegen ist sehr genau „ausnotiert“. In den wie Kritzeleien erscheinenden und möglicherweise assoziativ interpretierbaren Zeichnungen lassen sich sehr detaillierte Informationen herauslesen. Zudem gibt es einen genauen zeitlichen Ablauf. „Reflexe I+II“ und „Rondeau Dynamique“ können als Hybride bezeichnet werden. Einerseits können sie wie „Meditation“ als visuelle Kunstwerke betrachtet werden, andererseits sind in allen Strichen und Punkten musikalische Informationen enthalten. (Text: Pneuma/Jakob Gnigler)

Leonie Spitzer

Meine Kritik an der Darstellung des Architekturplans ist, dass er die Seite des Lebendigen in Räumen, also visuellen, formalen und akustischen Wahrnehmbarkeiten von räumlichen Verhältnissen, kurz dessen was wir darin leben, arbeiten und interagieren, aus dem Fokus lässt. Gerne hätte ich mich mit meinem Großvater Anestis Logothetis als Innenarchitektin und Künstlerin über die Darstellungsformen von Musik und Architektur – zu der er in seiner Partitur Dynapolis Stellung bezog – unterhalten. Anlässlich seines 100. Geburtstags imaginiere ich im echoraum ein Gespräch, ein räumliches und klangliches Experiment, das die Zeit und den Raum über seine Musik zusammenführt.

Leonie Spitzer studierte visuelle Kunst und Theaterwissenschaften an der IUAV in Venedig und schloss mit Auszeichnung ab (Thesis über Margarete Schütte-Lihotzky, soziale Architektur und Innenarchitektur). Ihre Videoarbeit Interculturalism: Did you ever think what language to use if you met Dante in Hell? des Final Art Lab, geleitet von Professor und Kurator Nicolas Bourriaud wurde 2008 im Magazzini del Sale, in Venedig ausgestellt.
In London studierte sie Interior Design am Chelsea College of Art and Design. Seit ihrer Rückkehr nach Wien 2013 gestaltet Leonie Spitzer als Innenarchitektin stadtbekannte Interieurs wie das Bistro das Liebling, das Kleidergeschäft useabrand und Burggasse 24 sowie die Bildwerkstatt Herr Leutner.
In ihren künstlerischen Arbeiten beschäftigt sie sich mit der Interdependenz von Mensch und Raum: 2020, In DisTANZ – der Abstand in dem Interaktion stattfand, Video. 2019, Records on uncharted Terrain, Video.

Serafin Spitzer

Eine Kollaboration zwischen der Stardirigentin Marin Alsop, dem elektroakustischen Noise-Projekt „Schtum“ von Manu Mayr und Robert Pockfuß und dem Kameramann und Enkel von Anestis Logothetis Serafin Spitzer veranschaulicht ein spezifisches, logothetisches, medienphilosophisches Prinzip, in dem nicht mehr auszumachen ist, wer wen anleitet. Die Kamera, Alsops Dirigierbewegungen und die Musik verhalten sich interdependent zueinander – sie bringen sich gegenseitig hervor, sind einander zugleich vor- und nachgelagert und werden so durch und durch eins.
Auch wenn hier die Gesten Alsops die musikalischen Raumfiguren immer nur andeuten können, vermitteln diese die „Gestimmtheiten“ (Vilém Flusser) dieser verzerrten, druckvoll-düsteren Gitarrensound-Komposition. Dasselbe hat Logothetis mit grafischen Zeichen bewerkstelligt.
Hier geht es um hörbare Sichtbarkeit / sichtbare Hörbarkeit, um Kybernetik und das triadische Verhältnis zwischen Interpret, Publikum und Komponist. (Text: Michelle Koch)

Serafin Spitzer, geb. 1986, Kameramann.
Master mit Auszeichnung an der Wiener Filmakademie, Preis für beste Bildgestaltung Dokumentarfilm für Gwendolyn, Diagonale 2018.
Zu seinen Arbeiten zählen u.a. Erdbeerland (2012) Regie: Florian Pochlatko, Lampedusa im Winter (2015) Regie: Jakob Brossmann, Gwendolyn (2017) Regie: Ruth Kaaserer, Nobadi (2019) Regie: Karl Marcovics und Böse Spiele (2021) Regie: Ulrich Seidl.

 

Eintrittspreis: 12/10€