
Sokrates: ...Die Tapferkeit scheint demnach also eine Art von Wissen
zu sein. Doch nicht etwa das des Flötenblasens?Nikias: Sie ist das Wissen von den Dingen, die man entweder zu
fürchten hat, oder die man beherzt wagen darfSokrates: Gut. Bei den Krankheiten ist es so, daß die Ärzte das
wissen, was man fürchten muß. Oder meinst du, die Tapferen wissen das?
Oder nennst du die Ärzte tapfer?Nikias: Die Ärzte wissen im besten Fall nur zu sagen, was das Gesundsein
und das Kranksein ist. Ob es dagegen für jemanden schrecklicher ist gesund
zu sein als krank - meinst du die Ärzte wüßten das? Glaubst du nicht, daß
es für viele besser wäre, von der Krankheit nicht wieder aufzustehen, als
gesund zu werden? Und: müssen sich die, für welche also das Sterben von
Vorteil ist, vor denselben Dingen fürchten wie die, für die das Leben von
Vorteil ist?Sokrates: Nein.Nikias: Aber die Entscheidung darüber willst du den Ärzten zuerkennen!
Nur nicht dem, der sich auf das Gefährliche und das Unbedenkliche versteht,
und den ich eben den Tapferen nenne?Sokrates: Ich verstehe. Nur die Hellseher sind demnach tapfer.
Denn wer sonst kann wissen, für wen es besser ist lebendig zu sein, als
tot...Plato: Laches ... Als er aber an die Buchstaben gekommen, habe der Gott Theut
gesagt: Diese Kunst, o König, wird die Ägypter weiser machen und gedächtnisreicher.
Jener aber habe erwiedert: O kunstreicher Theut, diese Erfindung wird den
Seelen der Lernenden vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung
der Erinnerung, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen
vermittels fremder Zeichen, nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar
erinnern werden.Sokrates in: Phaidros (Plato) Auffällig, was uns der Sokrates aus dieser alten Männergemeinschaft
da entgegenzirpt. Seine unerbittliche Art des Befragens habe er bei der
Diotima gelernt, die Redekunst aber bei der Aspasia, der Frau des
Perikles, die auch jenem viele seiner Reden aufgesetzt habe. Franz Altenberger Der platonische Dialog war gleichsam der Kahn, auf dem sich die
schiffbrüchige ältere Poesie samt allen ihren Kindern rettete: auf einem
engen Raum zusammengedrängt und dem einen Steuermann Sokrates ängstlich
untertänig, fuhren sie jetzt in eine neue Welt hinein, die an dem phantastischen
Bilde dieses Aufzugs sich nie sattsehen konnte. Friedrich Nietzsche - Die Geburt der Tragödie