
Wie soll man Sokrates nicht mögen: Er hatte ein gutes Herz, war
hartnäckig, intelligent, ironisch, tolerant und gleichzeitig unbeugsam.
Der athenische Philosoph (469 bis 399 v.C.) war ein Mensch, der kein Aufhebens
von seiner Person machte, der keine Heilsprogramme verkündete, nicht nach
Gefolgschaft verlangte.Sokrates Leben war kein dramatisches Leben - mit einer einzigen
Ausnahme: Sein Ende. Der wegen Gotteslästerung gegen ihn angestrengte Prozess
führte zum Spruch: Tod durch Gift.Das mit Gelassenheit angenommene Urteil hat das Bild von Sokrates
und seine Wirkung bestimmt. Er ist der Märtyrer der Philosophie.Aber die Meinung vom Justizmord der athenischen Demokratie an ihrem
großen Bürger ist auch manchenorts in Frage gestellt worden. Sokrates hätte
sich durch eine gehörige Verteidigung ohne Schwierigkeiten retten können.
Sokrates habe überheblich in seinem Trotz gegen populistische Gerichtsbarkeit
und menschliche Niedertracht die Richter verhöhnt. Er habe sich der Hinrichtung
nicht durch die leicht mögliche, und von allen erwartete, Flucht entzogen.
Sokrates habe seinen Tod selbst bewirkt, er habe ihn gewollt.Sokrates ist bei Plato, trotz der Klarheit seiner Erscheinung eine
bis ins leibliche geheimnisvolle Gestalt von unverwüstlicher Gesundheit,
vollkommener Bedürfnislosigkeit (trotzdem kann er schon einmal zu einer
Hetäre ins Bett steigen) und erstaunlicher Trinkfestigkeit, wenn er zum
Trinken gezwungen wird. So führt er einmal nach wüst durchzechter Nacht
ein tiefes philosophisches Gespräch mit Aristophanes und Agathon. Als auch
diese eingeschlafen sind, steht er auf und geht. Er ging ins Lykeon, badete
und brachte den ganzen Tag zu, wie er es sonst tat, und als er so getan,
begab er sich Abends nach Hause zur Ruhe.Platos Sokrates ist häßlich wie ein Satyr und zugleich von einer
bezaubernden Anziehungskraft auf viele Mitmenschen. Er ist unter keine
Norm zu bringen, wunderlich, unfasslich; was er ist und sagt und tut, scheint
immer auch etwas anderes bedeuten zu können.Der PHAIDON gehört zu den wenigen Dokumenten der Menschheit. Die
Menschen des Altertums lasen ihn bis in späte Jahrhunderte und nahmen die
Figur des sterbenden Sokrates als neues Ideal an, anstelle jenes älteren
Heldenideals eines Achilles.Man kann PHAIDON nicht lesen, ohne ergriffen zu werden im Denken
selber. Hier ist Anspruch ohne Fanatismus, höchste Möglichkeit ohne Verfestigung
in Moral, Sichoffenhalten für den überraschenden Punkt der jeweiligen Wahrheit.Uns war ganz merkwürdig zumute. Bedauern kam gar nicht auf - wie
man doch denken sollte beim Tod eines Freundes - glücklich erschien mir
Sokrates nämlich...Luciano De Crescenzo ...Denn ihr seht doch, daß Sokrates verliebt ist in die Schönen
und immer um sie her und außer sich über sie, und wiederum, daß er in allem
unwissend ist und nichts weiß, wie er sich ja immer anstellt; ist nun das
nicht recht silenenhaftig? Gewiß sehr. Denn das hat er nur so äußerlich
umgetan, inwendig aber, wenn man ihn auftut, was meint ihr wohl, ihr Männer
und Trinkgenossen, wievieler Weisheit und Besonnenheit er voll ist? Wißt
denn, daß es ihn nicht im mindesten kümmert, ob einer schön ist, sondern
er achtet das so gering, als wohl niemand glauben möchte, noch ob einer
reich ist oder irgendeinen der von den Leuten am meisten gepriesenen Vorzüge
hat. Er meint vielmehr, daß alle diese Dinge nichts wert sind und daß auch
wir alle nichts sind - das sage ich euch. Nichts als Ironie und nichts
als Spiel sein ganzes Leben lang gegen alle Menschen, so lebt er dahin.Alkibiades in: Das Gastmahl (Plato)