
...kann also niemand je die Wahrheit über Gut und Böse, soweit
das überhaupt möglich ist, je erfassen. Denn miteinander müssen wir diese
kennenlernen und miteinander auch Schein und Wahrheit der ganzen Natur.
Und das mit viel Arbeit und viel Zeitaufwand. Nur mit Mühe aber wird, wenn
ein jedes von ihnen am andern gerieben wird, Name und Definition und Abbild
oder Sinneseindruck, wenn es in wohlwollender Untersuchung untersucht wird
von Menschen, die ohne Neid Frage und Antwort gebrauchen - nur dann wird
Verständnis und Einsicht über jedes Ding aufleuchten, so intensiv, als
dies menschenmöglich ist.Aus diesem Grunde wird also jeder ernsthafte Mensch über ensthafte
Dinge sicher nie etwas schreiben und damit seine Sache der Menschen Unverstand
ausliefern. Mit einem Wort - man kann aus dem Gesagten erkennen daß, wenn
man von irgend jemandem schriftlich niedergelegte Gedanken sieht, daß nicht
das sein Allerernsthaftestes war, wenn er selber ein ernsthafter Mensch
ist, sondern daß dieses irgendwo am schönsten Platz in seinem Innern versteckt
liegt. Wenn er aber wirklich sein eigentliches Denken schriftlich niederlegen
würde, so haben wahrlich diesmal nicht die Götter (wie Homer sagt), aber
die Menschen selber ihm seinen Verstand genommen.Plato: Der siebente Brief ...so wüßte ich nichts, was mich über Platos Verborgenheit und
Sphinx-Natur mehr hat träumen lassen als jenes glücklich erhaltene petit
fait: daß man unter dem Kopfkissen seines Sterbelagers keine Bibel vorfand,
nichts Ägyptisches, Pythagoreisches, Platonisches - sondern den Aristophanes.Friedrich Nietzsche - Jenseits von Gut und Böse