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Low Frequency Orchestra

Neues entsteht nicht selten durch eine flirrende Zusammenkunft von Menschen, die sich ihrer Anziehung zwar bewußt sind, sie vorerst aber nicht erklären können. Das in dieser Annäherung verborgene utopische Potential läßt sich im Fall von (Improvisations-)MusikerInnen nicht anders anzapfen als sich zu treffen, die Instrumente auszupacken und zu spielen. Eine Art „Improvisation ohne Vorgeschichte“: Die entstehenden Klangkonfigurationen können der „Urtext“ eines neuen Ensembles sein und damit auch der Beginn eines neuen musikalischen Ichs. Wenn das im Jahr 2003 ins Leben gerufene Low Frequency Orchestra die Bühne betritt, beginnt eine faszinierende Reise durch den Orbit der Klänge. Hier ist ein Ensemble am Werk, das gerade durch die Betonung der Individualität und deren Transzendierung einen musikalischen Organismus formt, der dem Hörer als eine im Kollektiv geschaffene organische Musik gegenübertritt. Wie der Name Low Frequency Orchestra schon sagt, kommt in diesem Sextett der tiefe Klang zu seiner vornehmen Ehre. Vier ausgesprochene Bassinstrumente - 2 Paetzold-Kontrabassblockflöten, 2 Kontrabässe - definieren das dunkle klangliche Terrain, wobei den Flötistinnen Angélica Castelló und Maja Osojnik - beide ursprünglich fest in der Renaissance- und Barockmusik zu Hause - eine besondere Rolle zukommt. Sie sind angetreten - und sind mit ihren Bemühungen zum Glück nicht allein -, die Blockflöte aus ihrem Dasein als Vorschulkind-Instrument bzw. aus ihrem Alte-Musik-Pathos herauszusprengen und die vielfältigen klanglichen Möglichkeiten des Instrument zu erforschen und in zeitgenössische Musikformen zu integrieren. Ungewollt, ungeliebt, ungeeignet für Klassik, Jazz und Popularmusik scheint die Blockflöte über den Weg der neuen Musik und Improvisationskunst eine neue Blüte zu erfahren. (Hier zeigt sich auch die Nähe zwischen Alter Musik und der Kunstmusik des 20. und 21. Jahrhunderts. Kein Zufall, daß einer der besten Lautenisten der Gegenwart, Paul Odette, ursprünglich die elektrische Gitarre traktierte). Die zwei Kontrabässe, virtuos beherrscht von Matija Schellander und Herwig Neugebauer, erweisen sich als kongeniale Partner der tiefen Flöten. Durch die subtilen Einsatz von Schlagwerk (Matthias Koch) und ausdifferenzierter Elektronik (Thomas Grill) sowie durch den fallweisen Einsatz von hohen Flöten wird der tiefe Klang immer wieder dialektisch gespiegelt, die hohen Frequenzen verweisen somit unmittelbar auf ihre tiefen Schwestern. Die Tiefe erschließt sich, indem sie die Höhe integriert. Trotz hoher Komplexität schwingt dennoch immer Leichtigkeit mit, trotz aller Fragilität der Einzelelemente entsteht bestechende Kohärenz. All diese Komponenten und nicht zuletzt die Bühnenausstrahlung des Low Frequency Orchestra macht dieses Ensemble zu einem der außergewöhnlichsten und bemerkenswertesten Improvisationsgruppen in diesem Land. Der Traum von Franco Evangelisti und seiner Kompositions-Improvisationsgruppe „Nuova Consonanza“, nämlich eine egalitär geschaffene und auf Improvisation beruhende hochartifizielle Kunstmusik entstehen zu lassen, realisiert sich beim Low Frequency Orchestra auf eleganteste Weise.
(Burkhard Stangl, August 2005)

Seit der Gründung haben die so genannten „cuts“ in der Arbeitsweise des Ensembles eine wichtige Rolle gespielt: Kontraste, 180° Wendungen, kurze Ideenmomente, immer ohne stilistische Vorgaben, nur bestimmt von gefühltem Timing und musizierender Kommunikation.
In dieser zeitlichen Strukturierung spricht das besondere Instrumentarium von selbst. Die tiefen Wellen bewegen sich und werden mit scharfen Messern in kleine Stücke geschnitten!

Dem low frequency orchestra war es auch immer ein Vergnügen, die Vorliebe für's Scharfe mit Gästen zu teilen. So freuen wir uns sehr, diese Woche mit Martin Siewert einige „low cuts“ zuzubereiten.

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