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Johannes Tinctoris : Complexus effectuum musices #1
Die allgemeinen Eigenschaften der Musik in der künstlerischen Praxis der Gegenwart

Die Musiker:

Seppo Gründler (extended guitar, electronics)
Josef Novotny (electronics)
Franz Schmuck (percussion)
Günther Albrecht (synths)

Das Thema:

Im Rahmen der Mittelalter-Studien für mein Rabelais-Projekt beschäftigte ich mich speziell mit den Musiktheorien des Mittelalters, die meist aus außermusikalischen Gesichtspunkten einer präkonstituierten göttlichen Weltordnung musikalische Grundprinzipien ableiten oder sich auf die Überlieferung aufführungspraktischer Rezepte beschränken. Johannes Tinctoris sprengt diesen Rahmen und gründet stattdessen auf dem Erfahrbaren, der vom "Erfolg" bestätigten (zeitgenössischen) Praxis.

Die Musik ist für Johannes Tinctoris keine abstrakt-mathematische, spekulativ und deduktiv zu lehrende Wissenschaft mehr, sondern eine empirische, induktiv zu betreibende Kunstfertigkeit. So traut er auch vor aller Theorie dem lebendigen Hören, dem auditus, die richtige Urteilskraft zu. Die Wahrnehmung, das iudicium ex ore, das Urteil auf Grund des sinnlichen Hörens, wird zum entscheidenden Kriterium.

Im nach 1475 entstandenen Traktat "Complexus effectuum musices" beschreibt Tinctoris als Beweis für die himmlische Herkunft der Musik, ihre Macht, Schönheit und Göttlichkeit ganz allgemein ihre Eigenschaften (siehe auch die Aufzählung unten). Neben Belegen und Beispielen aus der Bibel führt er Kirchenväter wie Augustinus, aber auch Autoritäten wie Aristoteles, Horaz, Asklepios, Avicenna, Galen, Quintilian oder Vergil an.

In meinem Projekt soll die Wahrnehmung, das sinnliche Hören, bezogen auf die zeitgenössische Musizierpraxis an den von Tinctoris beschriebenen Wirkungen der Musik erkundet werden.
Günther Albrecht

Das Programm:

Im ersten Teil dieser "work in progress" werden 6 der 20 Effekte von 4 Musikern in 3 Duos und einem Quartett gestaltet.

Effectus 7: Die Musik vertreibt die Traurigkeit (Franz Schmuck, Günther Albrecht)
Effectus 10: Die Musik bewirkt die Ekstase (Franz Schmuck, Günther Albrecht)
Effectus 16: Die Musik stachelt den Mut zum Kampfe an (Josef Novotny, Günther Albrecht)
Effectus 18: Die Musik vermehrt die Annehmlichkeit des Mahles (Josef Novotny, Günther Albrecht)

Effectus 15: Die Musik erleichtert die Mühen der Arbeit (Seppo Gründler, Günther Albrecht)
Effectus 9: Die Musik vertreibt den Teufel (Seppo Gründler, Josef Novotny, Franz Schmuck, Günther Albrecht)

Aus: Complexus effectuum musices

Effectus 1: Die Musik erfreut Gott
Effectus 2: Die Musik schmückt das Lob Gottes
Effectus 3: Die Musik vergrößert die Freuden der Seligen
Effectus 4: Die Musik gleicht die streitende Kirche der triumphierenden an
Effectus 5: Die Musik bereitet auf den Empfang der Segnung des Herrn vor
Effectus 6: Die Musik erweckt die Herzen zur Frömmigkeit
Effectus 7: Die Musik vertreibt die Traurigkeit
Effectus 8: Die Musik löst die Härte des Herzens
Effectus 9: Die Musik vertreibt den Teufel
Effectus 10: Die Musik bewirkt die Ekstase
Effectus 11: Die Musik erhebt den irdischen Geist
Effectus 12: Die Musik hält den bösen Willen zurück
Effectus 13: Die Musik erfreut die Menschen
Effectus 14: Die Musik heilt die Kranken
Effectus 15: Die Musik erleichtert die Mühen der Arbeit
Effectus 16: Die Musik stachelt den Mut zum Kampfe an
Effectus 17: Die Musik lockt die Liebe an
Effectus 18: Die Musik vermehrt die Annehmlichkeit des Mahles
Effectus 19: Die Musik macht die in ihr Erfahrenen berühmt
Effectus 20: Die Musik führt die Menschen zur Glückseligkeit

(Zitate aus: Die Musik der Engel : Untersuchungen zur Musikanschauung des Mittelalters / Reinhold Hammerstein. - Bern : Francke, 1990. Kapitel VI: SPHÄRENHARMONIE UND ENGELSGESANG, S. 139).

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