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Hsin-Huei Huang – Petra Ackermann Duo 1
Hsin-Huei Huang – Petra Ackermann Duo 2
Hsin-Huei Huang – Petra Ackermann Duo 3
Hsin-Huei Huang – Petra Ackermann Duo 4
Hsin-Huei Huang – Petra Ackermann Duo 5
Hsin-Huei Huang – Petra Ackermann Duo 6

Voices and Piano
"Voices and Piano ist ein umfangreicher Zyklus von Stücken für Stimme und Klavier. Allerdings ist die Stimme in jedem Stück eine andere: in Form einer Tonaufnahme einer zumeist bekannten Persönlichkeit. Der Zyklus ist noch in Arbeit und soll irgendwann an die 80 Einzelstücken (ungefähr 4 Stunden Musik) enthalten. Das Werk (dieses Werk/das Werk als solches) versteht sich als eine Auswahl aus dem Ganzen. Zur Zeit mag ich es, Stücke zu schreiben wo das Ganze nicht auf einmal präsentiert wird. Das Ganze bleibt das Ganze, und was wir hören ist nur ein Teil davon.

Ich denke mir Voices and Piano als meinen Lieder-Zyklus obwohl niemand singt darin. Die Stimmen sind alle gesprochen: Ausschnitte aus Reden, Interviews oder Lesungen. Und das Klavier ist nicht wirklich die Begleitung der Stimme. Das Verhältnis der beiden ist eher das eines Vergleichs. Sprache und Musik werden verglichen. Man könnte auch sagen: Wirklichkeit und Wahrnehmung. Wirklichkeit (Sprache) ist kontinuierlich, Wahrnehmung (Musik) ist ein Raster der an das erstere heranzukommen versucht. Tatsächlich ist der Klavierpart die zeitliche und spektrale Rasterung der jeweiligen Stimme - vergleichbar einer grob gerasterten Photografie. Tatsächlich ist der Klavierpart die Analyse der Stimme: Die Musik analysiert die Wirklichkeit."
Peter Ablinger

Hsin-Huei Huang – Petra Ackermann Duo 5
Hsin-Huei Huang – Petra Ackermann Duo 6

Salvatore Sciarrino: Ai limiti della notte - per viola (1979)

Dass die Grenzen des Hörbaren nicht die Grenzen dessen sind, was wahrgenommen wird, dass die Grenzen zwischen Klang und Geräusch fließend sind und dass Stille nicht erst dort beginnen muss, wo nichts mehr zu hören ist, gilt bei Sciarrino als unzweifelhafter Erfahrungswert. Aus dem Nichts erwachsen die Töne, schwellen an bis zum Piano und verschwinden wieder im Nichts. Dazwischen - ein leises Geräusch - eine Gruppe von acht tonhöhenidentischen Zweiunddreißigstelnoten, am Steg gestrichen, oder gekratzt, mit tremolierendem Bogen. Danach eine zweite Gruppe, versetzt um eine übermäßige Quint und diesmal mit zwölf Tönen. Dieses Modell wird fortgesetzt sich, die Gruppen bestehen immer aus vier, acht, zwölf oder sechzehn Tönen, beginnen im Piano oder Mezzoforte und enden im Nichts.

Mit einem Glissando wandern die Töne weiter, in eine Passage ohne Tremolo, verdichten sich, worauf unmittelbar der erste Ausbruch folgt, er verklingt, blitzt noch einmal kurz auf und fällt plötzlich vom Fortissimo ins dreifache Piano. Die Quint kehrt wieder, diesmal in wellenartig auf- und absteigenden Flageolettönen, bis zur zweiten virtuosen Passage, die bereits Gehörtes wiederbringt. Nach einigen vertrauten Lichtblitzen schließt sich der Kreis, führt wieder zum Ausgang zurück, aber seine Form hat sich verändert.

Das fünfminütige Stück reiht sich in eine beachtliche Zahl von Kompositionen für Soloinstrumente, die weitgehend alle zwischen Beginn der Siebziger- und Mitte der Achtzigerjahre entstanden sind und die zwischen einer und achtzehn Minuten dauern. Einige davon sind als Übungen bezeichnet, oder tragen Gattungsbezeichnungen. Und manche tragen Titel, die in Grenzbereiche führen, die von Tod und Erwachen, Veränderungen und Zaubereien erzählen. Unter diesen Solostücken finden sich allerdings nur zwei für Viola, und auch das 1979 entstandene "Ai limiti della notte" wurde von Sciarrino zusätzlich noch für Violoncello transkribiert. Durch die hohen Lagen, die das Stück den Solisten abverlangt, wird die Fragilität des Stückes obsolet.

Ulrich Dibelius schreibt über Sciarrinos Musik von „Transmutationen, so als hätte man den klangfundierenden Haupttext weggeblendet oder an die Ränder, ins halb Irreale und Utopische, verdrängt. (...) die Wahrnehmung [wird] von dem, was an der Oberfläche hörbar ist, durch die absichtlich herbeigeführten Grenzsituationen des Brüchigen, übersteigert Virtuosen oder nur andeutend Schemenhaften ständig in Regionen dahinter gelenkt, wo das Schweigen beginnt: Ein musikalischer Okkultismus (...).
Doris Schumacher

Hsin-Huei Huang – Petra Ackermann Duo 3

"Lachrymae" nannte Benjamin Britten (1913-76) eine Komposition vom April 1950 für Viola und Klavier, die er zusammen mit dem englischen Bratschisten William Primrose im selben Jahr uraufführte. Das Werk trägt den Untertitel "Reflections on a song of Dowland". Der aus Irland gebürtige Komponist John Dowland (1562-1626) publizierte 1605 unter dem Titel "Lachrymae" eine Sammlung von Stücken für Laute und Violen im fünfstimmigen Satz. Die beiden Lieder "Flow my tears" und "If my complaints could passions move" sind der Liedersammlung "Books of Songs or Ayres" entnommen und liegen dem Britten´schen Werk zugrunde. Brittens "Lachrymae" beginnt im Soloinstrument mit einer Melodie aus gebrochenen Dreiklängen, die sich zu tonalitätssprengenden übermässigen Akkorden auswachsen. Im weiteren Verlauf des Stücks wechseln verhaltene Variationen mit beweglichen, mitunter erregten Passagen. Gerade in den raschen Figurationen zeigt sich die Bratsche als schattenhafte, flüsternde, leise beschwörende, gelegentlich gespenstische Stimme. Die Trauer sucht sich, wenn auch im Rückbezug auf Dowland, ihren eigenen Ton.
Doris Schumacher
Hsin-Huei Huang – Petra Ackermann Duo 4
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