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ERNST MARIANNE BINDER
liest im Rahmen der Ausstellung "Theaterplakate":

WILLKOMMEN. VOM GLÜCK DES SCHEITERNS.

Grabbesuch bei Einar Schleef

Zehn Jahre nach dem Tod Einar Schleefs besucht der Autor und Regisseur Ernst M. Binder dessen Grab in Sangerhausen. Über zwanzig Jahre hat er sich mit der Tetralogie "TOTENTROMPETEN" beschäftigt und alle vier Teile uraufgeführt. Dieser Grabbesuch beschreibt sowohl seine Beziehung zu Einar Schleef als auch die Arbeit an dieser Tetralogie, der erster Teil von den Theaterkritikern im deutschsprachigen Raum zum Stück des Jahres 1995 gewählt wurde.

Wir fahren durch den Harz. Nach einem Regenguss dampft der Wald wie eine finnische Sauna. Schleef rezitiert Brechts Puntila. Das ganze Stück. Alle Rollen. In einer Woche ist Premiere in Berlin. Schleef ist Puntila. Ich trage das Auto wie ein Neugeborenes über die schmalen Landstraßen.
Schleef stottert nicht. Nicht ein einziges Mal während des zweistündigen Deklamierens. Es schreit aus ihm, und doch ist Deutlichkeit seine Sache, Artikulation. Die Sprache ein Fest, eine Eucharistie. Die Worte brechen aus dem Inneren. Wie der Himmel über dem Harz aufgebrochen ist wenige Stunden zuvor.
"Dann frag ich dich", fragt Puntila Matti: "Wo gibts so einen Himmel, als über Tavastland. Ich hab gehört, er ist an anderen Stellen blauer, aber die Wolken gehn feiner hier, die finnischen Wind sind behutsamer, und ich mag kein andres Blau und wenn ich es haben könnt."
Ein Trugbild? Oder ist diese Schönheit nur erträglich, wenn eine Trunkenheit die Welt verklärt?
(Textausschnitt)

Zum Autor

Ernst Marianne Binder
geboren 1953 in Mostar, Ex-Jugoslawien
seit 1971 freiberuflicher Autor, Musiker und Regisseur, lebt zur Zeit in Graz.
Im Lauf der Jahre neben der künstlerischen Tätigkeit verschiedene Berufe wie: Steinmetz, Vertragsbediensteter, Fensterputzer, Zeitungsausträger, Fabrikarbeiter, Olivenbauer, Tomatenpflücker, Kellner, Discjockey, Zirkus-Beleuchter, freier Mitarbeiter im ORF etc.

AKTUELL:
"DAS STUMME H oder Warum die Erde eine Scheibe ist und das Glück der Papagei des Melancholikers", Texte, erschienen im Sonderzahl-Verlag, Wien 2011

Gedichte: "Blumen, die nur im Gefängnis blühn" (Zyklus, 1973), "Das Lächeln am Fuß des Entzugs" (Zyklus, 1979/80)
Prosa: "Flucht" (Roman, 1973), "Fragmente" (Erzählungen, 1974/75), "Grenzgänger" (Erzählungen, 1976/77)
Theaterstücke: "Hochzeitsnacht" (Uraufführung 1983, Schauspielhaus Graz), "Der Schatten der Palme" (UA 1999, Staatstheater Schwerin), "Beckett. Silence" (UA 2005, dramagraz), "(Was hängt das Leben tief wie Nebel überm) Kukuruz" (UA 2010, dramagraz)

Mehr Infos unter http://ernstmariannebinder.mur.at


© Ernst Marianne Binder

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