
Samuel Beckett : a piece of monologue
Ernst Jandl : aus der fremde
Ernst Binder und sein Team beschäftigen sich mit Texten von Samuel Beckett und Ernst Jandl als zwei Seiten einer Medaille. Während Beckett’s "a piece of monologue", eine Metapher für das Reservoir von Erinnerungen am Ende eines Lebens, eine strenge, formalistische Umsetzung erfordert, sucht Ernst Binder bei Jandl's Sprechoper "aus der fremde" nach einer eher komödiantischen Form der Darstellung.
Kein leichter Stoff, ganz gewiss nicht. Geht es doch um das Leben eines Dichters, der mit sich hadert. Genauer gesagt um einen einzigen Tag, der sinnbildlich für ein Dichterleben steht. Zwischen Alltäglichem, Selbstzweifel, Produktivität, Alltagsöde, Krankheiten und Einschlafstörungen, der Beziehung mit einer Schriftstellerfreundin und Tabletten oder der Whiskey-Flasche mit und ohne Mineral.
Letztlich ist der Text aber eine selbstironische, spielerische Auseinandersetzung mit einem Dichterdasein.
Ernst Binder wird an diesem Abend den Zuschauer in eine Welt der Stille und des "Ganz-bei-sich-Seins" entführen. Ein Theaterabend, der keine fremden Geschichten erzählt, sondern dem Leben abgetrotzt wurde und ganz den Zuschauern gewidmet ist, ihren Erfahrungen und Auseinandersetzungen.
UND DAS WORT IST FLEISCH GEWORDEN
"Man könnte sagen", erklärte Beckett einmal, "dass meine Kindheit glücklich war, obwohl ich wenig Talent zum Glücklichsein hatte". Wie in allen Texten Becketts findet auch in diesem Monolog eine Auseinandersetzung mit dem Leben statt, hier konzentriert auf die Verbindung von Mensch und Wort und Licht. Der Mann (Rudi Widerhofer) ist Künstler und Lautsprecher. Er hat nichts zu erzählen. Er spricht nur von seiner Verpflichtung, der Geschichte seines Kampfes, etwas erzählen zu müssen. Zwanzig Jahre nach Beckett's Tod erleben wir hier keine Rückschau, sondern die kompromisslose Reduzierung eines Lebens auf die Auseinandersetzung mit dem Wort. Das Licht fokussiert die leere Wand, auf der einst die Bilder seiner Lieben hingen, nun tot und fort: "Wie um ein letztes Mal zu sehen. Ein letztes Mal diese erste Nacht. Von etwa dreissigtausend. Wo er bald sein würde. Diese Nacht sein würde."
Ähnlich und doch anders Jandl: "aus der fremde" handelt von einem Schriftsteller, der ein Stück schreibt und dabei Krisen durchlebt. Das Stück zeigt den Schriftsteller in seiner Privatsphäre: Da ist von Einschlafschwierigkeiten zu hören, vom schweren Aufstehen, von der Einnahme von Medikamenten, der Besorgung der Einkäufe, von der Korrespondenz, die zu erledigen ist. Die Beziehung zu einer Dichterin verläuft nicht wunschgemäß: Zu viele Friktionen trüben das Beziehungsleben. Sie ist die erfolgreichere Schriftstellerin, er kämpft gegen Staubwolken, seinem Drang zum Alkohol und gegen quälend weiße Papierblätter, leidet an der öden Fruchtlosigkeit mancher papierenen Tage. Das Stück, das er schreibt, sei einfach "alltagsdreck / chronik der laufenden ereignislosigkeit". Historische Dramen wolle er nicht schreiben, diese seien für die "großen historischen dramatiker / diese gebe es schließlich / wenn man die großen unaufgeführten hinzuzähle / zum saufüttern". Das Schreiben fällt einfach schwer, ist mühsame Arbeit. "aus der fremde" konterkariert das romantische Bild des genialen Dichters, dessen Sätze von Herz und Kopf förmlich widerstandslos aufs Papier fließen. Gegen die Schreibhemmung nützen die verschiedenen Verfahren der Selbstreflexion nicht, selbst das Verlassen der gehassten Schreibhöhle fällt schwer: "das düstere Treppenhaus / zeige ihm / dass er hier fremd sei". (Zitat Peter Landerl, aus http://www.literaturhaus.at/)
Für "a piece of monologue" komponiert und spielt der Musiker Josef Klammer die Musik. Wie schon bei Ernst Binders Stück "BECKETT.SILENCE" ist das Konzept typisch für die Arbeit des Komponisten Josef Klammer: Die Partitur (von Klammer "Latente Partitur" bezeichnet) öffnet und schließt Lautstärkenregler, aktiviert Filter und Tonhöhenänderungen gemä einer präzisen Komposition. Der Computer erzeugt nicht die Klänge sondern er öffnet lediglich Zeitfenster - akustische Stroboskope. Das Klangmaterial liefert Klammer live auf der Bühne. Dabei versetzt er den Resonanzkörper Bühne mit Stimmgabeln und anderen Gegenständen in Schwingung.
Die Augen und die Sinne öffnen für das Mysterium des Daseins ist das programmatische Vorhaben nicht nur dieser beiden Aufführungen von dramagraz.