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Burkhard Stangl : »Récital 3«, Introtext

Lieber Joe,

ich schreibe Dir, weil ich mit jemandem reden muß, weil ich mit jemandem reden will, der nicht unmittelbar in mein musikalisches Leben involviert ist. Es geht um mein Solo-Gitarren-Konzert, um mein Récital 3 im echoraum nächste Woche. Damit Du Dir ein Bild zeichnen kannst, womit ich mich herumschlage und was es für mich derzeit heißt, an das Solo zu denken, hier einige Remarks vorweg.

Mein erstes Récital, Récital 1, habe ich für das musikprotokoll 1996 komponiert. Faible, Timbre, Teint hießen die Stücke damals. Frage mich nicht, warum ich für meine Solos immer französische Titel wähle. Vielleicht verbinde ich mit der französischen Sprache eine Poesie, oder die Illusion einer Poesie, den Klang einer Poesie, die ich sich mir im Deutschen oder Englischen leider nicht zu erschließen vermag. Oder waren es die schön dunklen französischen Filme mit Romy Schneider oder Ives Montand oder Jean Gabin...jene Filme mit der wunderbaren Musik von Philipp Sarde... Filme, wo Rauchen noch zum Selbstverständnis des Leben dazugehört hatte, wo Rauchen mit dem Leben verbunden war – und nicht mit dem Tod, wie heutzutage. - - Rauchen scheint im übrigen einiges mit Musik gemeinsam zu haben: der nicht-faßbare Rauch als Sinnbild des Nicht-Fixierbaren, als Sinnbild des Verschwindens oder des sich Sehnens nach der Wiederholung des Verschwindens - Rauch und Musik, Sinnbilder des Flüchtigen...

Ich habe vorhin gesagt, ich habe mein Récital komponiert. Ich sage absichtlich komponiert, weil – bereite ich ein Solo vor – ich mir offensichtlich keine Freiräume und keinen Freude für Improvisationen gönne. Warum das so ist?

Es sind dann 10 Jahre verstrichen, bis ich mein zweites Récital im September vorigen Jahres im Rahmen von Neue Musik in St. Ruprecht aufgeführt habe. Die Titel? Klar, französisch: Ficelles, Gravité, Luminosité, Sérénité... Zu Récital 2 hatte ich geschrieben: „Da ich viel mit von mir entwickelten Gitarrenstimmungen arbeite, brauche ich für ein, bloß ein Mal vorkommendes Klangereignis schon extra eine Gitarre. Es ist geradezu paradox: Solospielen heißt für mich immer großer Aufwand, viele Instrumente, komplexe Logistik. Deshalb wohl sind meine Récitals selten.“ Wie leicht zu bemerken ist, hat sich der Abstand von einem Récital, 1996, zum anderen, 2006, von zehn auf ein Jahr, 2007, reduziert. Wenn das Tempo so weitergeht, müßte das kommende schon in einem Monat stattfinden. Ja, richtig, stimmt sogar, teilweise zumindest, nämlich in der Minoritenkirche in Krems am 5. Oktober, Seltsame Musik.

Von wegen paradox: In gewisser Weise ist auch meine derzeitige Lage paradox. So komme ich jetzt zum Eigentlichen. – Gut, ich war also inmitten der Vorbereitungen meines 3. Gitarren-Récitals, das für 13. September angesetzt ist. Folgendes ist passiert: Du weißt, wir kochen gern, ich bereite das Entrée vor, dazu wollte ich den köstlichen Parmeggiano, den meine Liebste aus Italien mitgebracht hatte, in hauchdünne Scheiben schneiden. Nun, jetzt, wo ich nach langem Üben das Messerschleifen endlich beherrsche, wurde es mir sogleich zum Verhängnis.

Ist das, was man beherrscht, gleichzeitig sein eigenes Verhängnis?

Wie auch immer, der Arzt meinte, es sei aussichtslos, alsbald an ein normales Gitarrespielen denken zu können. Sofort die Krise! Was ich?, ich und normales Gitarrespielen? Der Herr Doktor schürfte mit der Wortkombination „normales Gitarrespielen“ oder „an normales Gitarrespielen ist nicht zu denken“ etwas zu Tage, was mich zu dunklem Sinnieren brachte: - - Brauche ich das Normale, brauche ich die Normalität, um sie überhaupt verlassen zu können? - -

Die Verletzung hat gleich eine ganze Lawine von lästigen Gedanken losgetreten. Sicher, der erste Gedanke war: Absagen! Der zweite Gedanke war: Nein, Du mußt Dich ausliefern, sonst bist Du geliefert. Wie bitte? Und schon wieder Überlegungen zu Freiheit, Freiräumen, das mit-sich-selbst-sein, Solo. Ich denke, ich habe, wenn ich allein bin, Angst vor Freiräumen. Nein, ich sage es anders: kaum bin ich allein, überkommt mich eine Tendenz zur Sicherheit hin. In gewisser Weise grotesk: es ist ja niemand da, der mir den Freiraum streitig machte - außer ich mir selbst. Ja, das Solospiel ist eine komplexe Angelegenheit, nicht nur wenn einem die Mittel abhanden kommen. Mein hochverehrter Kollege Franz Hautzinger sagt es so: „Solo ist eine definitive Herausforderung, ein Persönlichkeitstest der anderen Art, das risikoreichste musikalische Unterfangen, welches ein künstlerisches Leben zu bieten hat.“ Sicherlich, alles eine Sache des Naturells und des Charakters, andere fühlen sich ja eingesperrt, wenn sie unter Leuten sind...

Was soll ich tun? In meinem bislang wohlgehüteten Schatzkästchen unveröffentlichter Aufnahmen kramen? Vielleicht, ich weiß es noch nicht. - - -

Aber nach einigem hin und her der Entschluß, nicht abzusagen. Das hat auch mit dem Ort zu tun, mit seiner Atmosphäre, mit seiner Offenheit, die sich aus einer gewissen Hermetik speist, mit dem Mut zum Risiko, der dort herrscht, es hat also ursächlich mit dem echoraum zu tun, dass ich nicht absagen werde - und das Wagnis wagen will, ein Solo zu geben, ohne oder kaum die Gitarre verwenden zu können. Ich möchte wieder Franz Hautzinger zitieren, denn er drückt es so schön aus: „Ein Gastspiel im echoraum ist wie die Ehre, ein zuhause haben zu dürfen.“

Übrigens, als Leitmotiv des Abends habe ich ein Zitat von John Berger gewählt, das da lautet: „Der Anfang der Musik war ein Geheul, das einen Verlust beklagte. Das Geheul wurde zu einem Gebet, und aus der Hoffnung in dem Gebet entstand die Musik, die ihren Ursprung niemals vergessen kann. In ihr sind Hoffnung und Verlust ein Paar.“ Daher kommt auch der Titel meines Programms, Verlust und Hoffnung, la perte et l´espoir: Erinnerungen an die temps perdu, an die Zukunft der Erinnerung, an Verluste und Einschnitte sowie an erfüllte und unerfüllte Hoffnungen. James Baldwin sagt es treffend: „Die Zeit ist eine Schneiderin, auf Änderungen spezialisiert.“

Lieber Freund, nachdem ich nicht sicher bin, ob ich selbst sprechen will, frage ich an, ob Du Dich für eine Art „Konzertansage“ am 13. zur Verfügung stellen würdest? Hast Du überhaupt Zeit? Das Konzert beginnt um 20 Uhr, eine Sprechprobe am späten Nachmittag wäre gut, um 18 Uhr 45 Uhr müssen wir spätestens fertig sein, denn um 19 Uhr öffnet der echoraum seine Pforten für die Ausstellungseröffnung von Petra Sandner.

Gib´ mir alsbald Bescheid!

Mir geht es gut, nur der Situation geht es schlecht.

Es grüßt Dich herzlich...

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