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1 Woche frei !

Über die Gedanken und Wünsche von Angélica Castelló und Maja Osojnik zu ihrem Projekt »1 Woche frei !«. Nachaufzeichnungen eines Gespräches, zusammengestellt und kommentiert von Burkhard Stangl.

 

 

Improvisation bleibt im Unbeendeten, Unvollendeten; sie lebt, sich selbst stets relativierend,
in und mit Variabilität, nicht jedoch als einem Makel, sondern als ihrem Ideal.
Man könnte sie als Kalkül des Unvorhersehbaren bezeichnen.
Sie macht das Wirken des Zufalls anschaulich, übersichtlich.
Und sie preist die Identität des Wandelbaren
wie die Wandelbarkeit des Identischen.
(Christian Kaden)

 

Der Titel unseres Projekts, »1 Woche frei !«, hat seinem Wesen nach eine vergleichbare Doppeldeutigkeit wie: Free Jazz - je nachdem, wie man lesen will: das eine Mal der Weg zur Befreiung hin, das andere Mal das Resulat der Befreiung selbst. Doppeldeutigkeiten, Paradoxien; das Sowohl-als-auch, oder gar das Entweder-oder?, Widersprüche, Entgleisungen, Er- und Entstarrungskonzepte, das Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Disziplin; war jede Tradition einmal Avantegarde? Diese Thematiken interessieren uns. Der Kontext, in dem wir uns bewegen, ist unser Beruf: Musik.
Seit langem köchelt bei uns beiden das Bedürfnis, ein großes Improvisations-Ensemble zusammenzustellen. Schon das Low Frequency Orchestra war ein fruchtbarer Beginn dessen, auch seine Kooperationen mit Gästen (Bruckner, Mitterer, Pichlmayer, Stangl). Der Klang, den wir uns für das Großensemble vorstellen, ist ganz klar - und parodox!: eine Masse von organisierten, spontanen, freien Klängen, die eine Logik haben, „im Zusammenhang - ausgerissen“ (M.O.). »1 Woche frei !« selbst ist in gewisser Weise paradox: eine Woche frei, in der viel freie Musik gemacht, geprobt, viel gearbeitet, hoffentlich auch viel diskutiert, analysiert und vielleicht auch vornehm und herzlich gestritten wird. Wir wollen uns in »1 Woche frei !« musizierend und sprachlich austauschend Gedanken machen darüber, was nicht-idiomatische Improvisationsmusik heutzutage (noch) leisten kann, wie der Begriff der Improvisation überhaupt zu deuten wäre, ob es Sinn macht, in einem Großensemble überhaupt konzis und sinnstiftend improvisieren zu können, oder ob musikalische Sozialexperimente dieser Art generell zielführend sind. Konturiert wird»1 Woche frei !« - ganz frei nach dem alten Bibelmythos der Welterschaffung - durch fünf aktive Wiener Improvisationsensembles, „die dem Ensemble-Zusammendenken nicht widerstehen können, die die Balance gefunden haben zwischen Ich-Improvisator und dem klanglichen Schmelzen in einem Ensemble, MusikerInnen mit Verantwortung und Kakophonie-Allergie“ (A.C.). Von Montag bis Freitag (Tage 1 bis 5) wird jeweils eine Band einen Tag gestalten, ihre Arbeitsweise in Form von öffentlichen Proben und Gesprächen darlegen und am Abend dann ein Konzert spielen, wobei im Anschluss daran eine Diskussion möglich und erwünscht ist. Wichtig ist, dass jede Band einen Gast, eine Gästin, einlädt. Die „Low Frequency Orchestra-Manier“, mit „Besuchern“ zu arbeiten, hat sich bewährt: so wird zusätzlich zum bestehenden Ensemble-Klang ein neues Element hinzugefügt, was den Austausch und die Arbeitsweise transparenter macht; das Schön-Hermetische, was jede gute Band auszeichnet, wird durch diese „Irritation“ elegant unterlaufen. Außerdem führt diese Vorgabe hoffentlich auch dazu, sich auf das »1 Woche frei !«-Ensemble einzustimmen, das alle beteiligten Musikerinnen und Musiker zu einem großen Orchester vereinigt. Das Großensemble wird am Samstag (Tag 6) öffentlich proben und am Sonntag (Tag 7) im Porgy & Bess das Abschlusskonzert von »1 Woche frei !«geben. Leider hat unsere Göttin da oben uns schon wieder etwas voraus, wir haben es nicht geschafft, unsere Arbeit am 7. Tag ruhen zu lassen. Ergänzt wird »1 Woche frei !«, eben die ganze Woche über, durch Impulsreferate, Diskussionen, Kommentare und round table-Gespräche, die von namhaften Kennern aus der Musikjournalistik moderiert werden.
»1 Woche frei !« soll Laborcharkter haben, der echoraum öffnet seine Türen bereits ab 12 Uhr für Aufbau, Gespräche, Proben usw., der echoraum wird für eine Woche gewissermaßen zu einem „musikexperimentellen Kaffeehaus“. Dieses ambitionierte Projekt ist als humorvolle, aber präzise Idee vor einigen Monaten entstanden und mit der Zeit für uns ganz wichtig geworden. Wir sind froh, mit Werner Korn, der gemeinsam mit uns »1 Woche frei !« mitentwickelt hat, dem echoraum und all den eingeladenen Musikschaffenden den Versuch starten zu können, diesen Klang-Traum zu verwirklichen. „Da also haben wir den ‚Geist der Improvisation‘ im Kasten. Die Deutungsarbeit aber fängt erst an.“ (Christian Kaden)

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